Daten, Quellen

Forschender Pädagoge | Pädagogischer Forscher. Biografische Notizen zu Erich Hylla (1887-1976)

Im Jahr 2026 feiert das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation sein 75-jähriges Bestehen. Dieses Jubiläum bietet einen geeigneten Anlass, die historischen Voraussetzungen, die Geschichte und die wissenschaftlichen Traditionen des Instituts zu reflektieren sowie jene Persönlichkeiten in den Blick zu nehmen, die dessen Entwicklung nachhaltig geprägt haben. Zu diesen zählt in herausragender Weise Erich Hylla (1887–1976), dessen wissenschaftliches und institutionelles Wirken als Gründungsdirektor eng mit der Entstehung der Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung (HIPF), der Vorgängerinstitution des heutigen DIPF, verbunden ist.

Erich Hylla ist einer der Pioniere und Förderer pädagogisch-empirischer Forschung in Deutschland. Er hat sehr früh schon psychologische Testforschung betrieben, wurde in der Zwischenkriegszeit ein Kenner des amerikanischen Schulwesens und der amerikanischen Lehrerausbildung und war – weil ihn immer die Nutzung pädagogischen Wissens für die und in den Schulen beschäftigte – bis weit in die 1950er Jahre hinein entscheidend an der Entwicklung von Schülertests beteiligt. Publizistisch ungeheuer produktiv veröffentlichte Hylla seine ersten Schriften im Jahr 1910, die letzten 1976. In der Weimarer Republik erschienen einschlägige Werke – etwa ein Lehrbuch „Testprüfungen der Intelligenz. Eine Einführung für Pädagogen“ 1927 und eine Beschreibung des amerikanischen Bildungswesens, das er aus eigener Anschauung kannte, „Die Schule der Demokratie“ 1928 – und er fertigte die erste Übersetzung von John Deweys „Democracy and Education“ an, die 1930 publiziert wurde. Vor allem aber veröffentlichte er eine Unmenge an Aufsätzen in unterschiedlichen Zeitschriften, insbesondere in pädagogischen und psychologischen Fachorganen, die die Bandbreite seiner Forschung, seiner pädagogischen Kenntnisse und bildungspolitischen Positionen erkennen lassen. Diese Schriften sind bisher nicht gesammelt erschienen; hier nun wird erstmals eine umfassende Bibliographie seiner Arbeiten erstellt und diese werden, so weit möglich, digital zugänglich gemacht.

Erich Hylla. Bildrechte: DIPF

Abbildung 1: Erich Hylla (Bildrechte: DIPF)

Erich Hylla hat selbst begonnen, sein Leben und seine Arbeit an der HIPF zu dokumentieren und ein Manuskript im Institutsarchiv des DIPF in der BBF | Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung hinterlassen.[1] Er wurde in Breslau als Handwerkersohn geboren und „besuchte von 1904 bis 1907 das Evangelische Volksschullehrerseminar in Brieg“ in Preußen . Seine besonderen Interessen erklärt er mit einer „Neigung zu zählender und messender Betrachtung der Welt“ . Diese habe ihn unzufrieden mit der Psychologie und Pädagogik zurückgelassen, die damals gelehrt wurde. Wie er beschreibt, war Pädagogik am Volksschullehrerseminar eine Geschichte der großen Pädagogen und „eine recht unklare Theorie des Lehrens und Erziehens“ . Erfahrung war die Erfahrung einzelner, deren kritische Überprüfung müsse aber auf dem Experiment gegründet sein. Er wandte sich daraufhin – erklärte er später – dem in Leipzig lehrenden Psychologen Wilhelm Wundt zu, erkannte jedoch bald, dass mit dessen ‚Grundlagenforschung‘ die Probleme der Lehrkräfte in der praktischen Arbeit wiederum auch nicht gelöst werden konnten. Zurück in Breslau wurde Hylla 1909 neben seiner Lehrertätigkeit „Schüler von William Stern“ , der an der Universität Arbeitsgemeinschaften, wie man sie damals nannte, für „fortbildungswillige“ Volksschullehrer zur Psychologie durchführte. Hier wurde Hylla zuerst mit „Testmethoden der Intelligenzprüfung“ , mit der Intelligenztestung nach Binet und Simon bekannt. Dort traf er auf Otto Bobertag. Dieser entwickelte dann zusammen mit einer Arbeitsgemeinschaft, der auch Hylla angehörte, aus den ersten französischen Tests ein deutsches Test-Instrument, den „Binet-Bobertag“. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurde Hylla Leiter einer Mittelschule in der Nähe Stettins, 1921 Schulrat in Eberswalde und 1922 Ministerialrat in der Volksschulabteilung des Preußischen Kultusministeriums in Berlin. Er war unter anderem zuständig für das Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und arbeitete in dieser Zeit weiter mit Bobertag an der Entwicklung von Tests zusammen und schrieb jenes oben schon erwähnte Lehrbuch, das 1927 im Georg Westermann Verlag in Braunschweig erschien. Stark beeinflusst hat ihn dann ein längerer Aufenthalt in den USA, der durch eine Einladung der Amerikaner an das „Deutsche Unterrichtsministerium“ möglich wurde. Von Herbst 1926 bis Herbst 1927 studierte er an der Columbia-University in New York und an anderen Orten der Ostküste das amerikanische Bildungswesen. Über das darüber geschriebene Buch urteilte er später: „In ihm habe ich die pädagogische Forschung in USA in einem eigenen Kapitel ausführlich dargestellt. Hatte sich so mein Traum erfüllt, so hatten nun auch meine Gedanken über das, was an pädagogischer Forschung in Deutschland wünschenswert wäre, sehr viel an Klarheit gewonnen. Klarheit natürlich auch darüber, daß es nicht darauf ankäme, amerikanische Einrichtungen hier einfach abzubilden, was schon wegen ihrer Vielgestaltigkeit gar nicht möglich gewesen wäre, sondern wie man empirische pädagogische Forschung bei uns gestalten und ihr eine Stätte schaffen könne.“ . Begeistert von John Dewey, den er in New York gehört hatte, übersetzte er dessen Schrift „Democracy and Education“ zum ersten Mal für den deutschen Buchmarkt.

Im Jahre 1930 wurde Erich Hylla Professor der Psychologie und Pädagogik an der Pädagogischen Akademie in Halle a. S., ging 1931 aber als Referent für Volksschulen und Lehrerbildung in das Kultusministerium zurück. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hat Hylla seiner sofortigen Entlassung 1933 ins Auge sehen müssen. 1935 und 1939 hielt er sich als Gastprofessor an der Columbia Universität in New York und an der Cornell Universität in Ithaka auf.

Nach dem Kriege, an dessen Ende Hylla noch als Soldat eingezogen wurde und in Gefangenschaft geraten war, wirkte er zunächst als Schulrat in Landsberg am Lech. 1946 machte die amerikanische Militärregierung ihn zum deutschen Fachberater für Erziehungsfragen in Berlin. In dieser Position konnte er, gemeinsam mit dem Juristen und Bildungspolitiker Erwin Stein, eine entscheidende Rolle im Prozess der Gründung eines neuen Instituts in Frankfurt am Main, der Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung, spielen. Hylla wurde 1951 Gründungsdirektor der Hochschule und bekleidete nun eine Professur. Er sorgte mit Hilfe anderer dafür, dass der Studienbetrieb der HIPF mit abgeordneten Lehrkräften schnell aufgenommen werden konnte, nämlich zum Studienjahr 1953/54. Hylla, der der jungen Hochschule zu einer nicht selbstverständlichen Anerkennung unter den wissenschaftlichen Institutionen verhalf, trat 1955 aus Altersgründen von seinen Ämtern zurück, auch wenn er weiterhin der HIPF verbunden blieb. In gewisser Weise kann seine Tätigkeit in der HIPF als eine Zusammenführung der von ihm ein Berufsleben lang vertretenen pädagogischen und bildungspolitischen Vorstellungen und Ideen gelesen werden. Für einen „deutschen Pädagogen“, wie es so oft in biographischen Notizen heißt, finden sich in der Biographie Hyllas typische Muster – man könnte ihn fast als eine ‚exemplarische historische Person‘ bezeichnen: Zuerst eine in besonderer Weise stark pädagogisch geprägte Volksschullehrerausbildung, dann vor dem Hintergrund eines intensiven Interesses an professionellem Wissen Fortbildungen und weitere Ausbildungen an der Universität, häufig in der Psychologie, und schließlich ein Engagement nicht nur für die Produktion professionellen Wissens, für Forschung, sondern auch für dessen administrative und bildungspolitische Nutzung, u.a. und gerade im Sinne der Unterstützung jener Kinder, die nicht aus privilegierten Haushalten kamen.

Screenshot der Bibliographie "Schriften Erich Hylla"

Abbildung 2: Screenshot der Startseite der digitalen Bibliographie „Schriften Erich Hylla“ (22.10.2026)

Vor dem Hintergrund des 75-jährigen Jubiläums des DIPF erscheint die systematische digitale Erschließung von Hyllas Publikationen und Schriften von besonderem bildungs- und wissenschaftshistorischem Interesse. Die vorliegende digitale Bibliografie dokumentiert dabei nun nicht nur das Werk eines der Gründungsakteure der deutschen Bildungsforschung, sondern ermöglicht auch den Zugang zu einem zentralen Quellenbestand der deutschen Bildungsgeschichte. Schließlich ist die Gründung des Instituts, der damaligen Hochschule für internationale Pädagogische Forschung, als eine typische, pfadabhängige Etablierung empirischer Forschung in einem außeruniversitären Institut zu lesen, in dem sich gleichzeitig die Etappen und Veränderungen des Verhältnisses von Bildungsforschung auf der einen und Bildungs- und Wissenschaftspolitik auf der anderen Seite spiegelten. Auf diese Weise werden Rekonstruktionen wissenschaftlicher Netzwerke, institutioneller Entwicklungsprozesse und bildungspolitischer Debatten des 20. Jahrhunderts erleichtert – es werden Impulse für die historische Bildungsforschung gesetzt, die neue Wege der Bildungsgeschichtsschreibung eröffnen.

Darüber hinaus leistet die öffentliche Bereitstellung einer solchen Bibliografie einen Beitrag zur Sicherung und Sichtbarmachung des wissenschaftlichen Erbes des DIPF. Sie macht die historischen Kontexte, die Anfänge des Instituts und eine ‚lange Geschichte‘ zwischen den programmatischen Anliegen der HIPF in ihrer Gründungsphase und den Forschungsaufgaben des heutigen DIPF nachvollziehbar, in der es Kontinuitäten wie auch Diskontinuitäten zu beobachten gibt. Die digitale Zusammenführung und Bereitstellung von Hyllas Schriften ist daher nicht allein als bibliografisches Erschließungsprojekt zu verstehen, sondern zugleich als Beitrag zur wissenschaftlichen Selbstvergewisserung der Bildungsforschung und zur Pflege ihres institutionellen Gedächtnisses.

Zur Hylla-Bibliographie:

Link zur Bibliographie mit facettierter Suche

Link zu verfügbaren digitalisierten Schriften Erich Hyllas in ScriptaPaedagogica

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Literatur

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Anmerkungen

Anmerkungen
↑1 Das im Folgenden zitierte Manuskript mit dem Arbeitstitel „Vertrautes, Erlebtes, Erreichtes – Zugleich ein Beitrag zum 25. Jahrestag der Gründung des Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung“ findet sich unter der Signatur DIPF/BBF/Institutsarchiv: DIPF_INSTITUTSAM, 2. Zum Datensatz in der Archivdatenbank: https://archivdatenbank.bbf.dipf.de/actaproweb/document/Vz_07B2AA15-5C7B-4FEF-A9C5-1F0376D5B4F4.