Kolumne

Warum Fröbels Kindergartenpädagogik heute noch relevant ist

Einleitung

Die Frage, ob Friedrich Fröbel und die mit seinem Namen verbundene Kindergartenpädagogik aktuell relevant sind, mag erstaunen. Schließlich werden seine pädagogischen Ideen bis heute, mehr als 180 Jahre nach der Eröffnung des ersten Kindergartens, diskutiert. So hat Oelkers erst kürzlich betont, dass Fröbel zu den renommiertesten Erziehungsphilosophen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gehört. Auch Franke-Meyer & Reyer zählen Fröbel zu den „mehrheitsfähigen“ Klassikern der Pädagogik der frühen Kindheit, eine Einschätzung, die Kasüschke teilt. Und soeben wurde die Kindergartenidee von der Deutschen UNESCO-Kommission als „Immaterielles Kulturerbe“ anerkannt. Fröbel ist ein Klassiker der deutschen und internationalen Frühkindpädagogik. 

Nun sind derartige akademische Klassikerdiskurse durchaus fragwürdig. Wer oder was als Klassiker gilt, hat oftmals mehr mit selektiver Rezeption und Deutungen der Gegenwart als mit einer vermeintlich überzeitlichen Bedeutung des Vergangenen zu tun. Fraglos ist jedoch, dass man sich bis heute auf ihn bezieht, insbesondere international, wo Fröbel innovativ rezipiert und weitergedacht wird, siehe z.B. , die Projekte des Froebel Trusts oder Finding Froebel: National and Cross-National Pedagogical Paths in Froebelian Early Childhood Education.

Warum aber sollte man sich eigentlich mit Fröbel und seinem uns heute fremd und esoterisch anmutenden (pädagogischen) Denken beschäftigen? Worin liegt der Gewinn, Fröbel zu lesen und mit ihm zu denken? Im Folgenden werde ich zunächst diskutieren, was zu erwarten ist, wenn man sich mit Fröbel auseinandersetzt, und welche Schwierigkeiten dabei bestehen. Anschließend werden wesentliche Elemente von Fröbels Denken präsentiert. Dies geschieht anhand von Originalquellen, um Fröbel mit all seinen Eigenheiten Raum zu geben. Zugleich diskutiere ich, inwieweit es sich lohnt, mit Fröbel über aktuelle Probleme nachzudenken, wobei ich mich speziell auf den sich gegenwärtig vollziehenden Zerfall der Demokratie beziehe.

Porträt von Fröbel
Quelle: https://pictura.bbf.dipf.de/viewer/image/146427_89350651-53ec-4421-a21b-1561384935de/1/

Abbildung 1: Friedrich Fröbel, 1902 (Quelle: PicturaPaedagogica)

Warum sollte man Fröbel heute lesen und wie man dabei vorgehen sollte

Wer je einen Fröbeltext in die Hand genommen hat, wird feststellen, dass es kein Vergnügen ist, Fröbel zu lesen; er ist ein schwer verständlicher, vieldeutiger Denker, dem es nie gelungen ist, seine Ideen klar zu formulieren. Der unverständliche Schreibstil, die fremdartige Terminologie und die fehlende Systematik seiner Schriften – all dies verwehrt den leichten Zugang. Hinzu kommt, dass Fröbel nie ein systematisches Werk zur Theorie und Praxis des Kindergartens verfasst hat. Stattdessen hat er seine Kindergartenpädagogik in zahlreichen Briefen, Essays und Zeitschriftenbeiträgen in den 1840er-Jahren entfaltet, mit unterschiedlichen Schwerpunkten, je nachdem, was er sich von der jeweiligen Korrespondenz erhoffte. Bis heute fehlt eine annotierte Gesamtausgabe, und es besteht nur bedingt Einigkeit darüber, welche die wesentlichen Schriften zur Kindergartenpädagogik sind. Und man muss dann auch noch wissen, in welcher Ausgabe man diese Texte finden kann.

Helmut Heiland hat für die Auseinandersetzung mit Fröbel einen Ansatz vorgeschlagen, den er als „authentischen Fröbel“ bezeichnet. Damit ist nun nicht gemeint, dass es nur einen „wahren“ Fröbel oder eine „richtige“ Idee von seiner Kindergartenpädagogik gibt. Unterschiedliche Interpretationen oder zumindest Schwerpunkte beim Lesen von Fröbel sind möglich, vielleicht sogar unvermeidlich. Aber – so Heilands Vorschlag – nötig sind doch Analysen, die auf möglichst vielen Quellen, auf „Quellentotalität“ basieren. Und spricht man von Fröbels Kindergartenpädagogik, dann sollte man sich auf Schriften aus den 1840er-Jahren, und eben nicht allein auf Fröbels Die Menschenerziehung von 1826 beziehen. Es geht darum, Fröbel im Original sowie in so vielen relevanten Quellen wie möglich zu lesen. Subjektive Auswahlen sind zwar notwendig, sollten jedoch durch eine Vielzahl von Primärquellen abgesichert sein – eben dem „authentischen“ Fröbel.

Warum aber sollte man sich auf Fröbel einlassen und “mit ihm denken“, worunter ich den Versuch verstehe, sich von Fröbels Denken anregen zu lassen, um über aktuelle (pädagogische) Probleme nachzudenken? Voraussetzung ist zunächst, sich auf die fremde Sprache und Denkweise einzulassen. Nur so lässt sich eine „ethische Beziehung zu einem Gedanken“ , wie Marek Tesar es genannt hat, entwickeln. Es geht nicht darum, Fröbels Pädagogik wörtlich zu nehmen und umzusetzen. “There is no wish to return to the rigid prescription of earlier times” . Auch sollte man keine konkreten Ratschläge für die Praxis erwarten. Fröbel lässt sich nicht auf eine „praktische Methode“ reduzieren. Einfache Lösungen für die drängenden Probleme der Gegenwart wird man bei Fröbel nicht finden, wie auch? In diesem Sinne ist die Lektüre sinnlos. Dennoch, so die hier vertretene These: Denken mit Fröbel hilft dabei, den Status quo ‚Frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung (FBBE)'[1] in Frage zu stellen. Mit Fröbel lassen sich Alternativen, neue „Utopien“ denken. Und eben dies erscheint wesentlich: neue, andere Fragen zu stellen und nicht auf Antworten zu warten.

Historische Bedeutungskontexte ernst nehmen: Das „sphärische Gesetz“ und seine Verbindung zur Kindergartenpädagogik

Will man aber mit Fröbel denken, muss man ihn auch verstehen. Und dies bedeutet, sich für Fröbels Weltverständnis zu interessieren: das „sphärische Gesetz“. Dies ist heute zwar wenig populär, aber doch notwendig, um die Kindergartenpädagogik, wie sie Fröbel selbst begriffen hat, zu verstehen. Anthropologie, allgemeine pädagogische Theorie, Schulpädagogik und Kindergartenpraxis – all dies leitet sich aus dem „sphärischen Gesetz,“ für Fröbel das Wesen aller Dinge, ab.

Fröbel hatte seit seinem Weggang von der Familie von Holzhausen im Jahr 1810 ernsthaft über das Wesen dieses Gesetzes nachgedacht. Zehn Jahre später, als er mit seinen Gefühlen für seine Nichte Albertine kämpfte, versuchte er erneut, seine metaphysisch-theologisch begründete Anthropologie auszuarbeiten. Fröbel hatte ursprünglich vorgehabt, ein Werk mit dem Titel Das Streben der Menschen zu veröffentlichen; dazu kam es jedoch nie. Stattdessen veröffentlichte er 1821 die zweite Keilhauer Werbeschrift mit dem Titel Durchgreifende, dem deutschen Charakter erschöpfend genügende Erziehung ist das Grund- und Quellbedürfnis des deutschen Volkes. Zusammen mit den Notizen im gleichzeitig verfassten Tagebuch sind die §§ 19–52 eine der verständlichsten Darstellungen des „sphärischen Gesetzes“. Hinzu kommen die einleitenden Absätze (§§ 1–23) von Die Menschenerziehung. Später, während der 1830er-Jahre in der Schweiz, war das „sphärische Gesetz“ und ein entsprechendes Leben in „Lebenseinigung“, also ein Leben, das den „Wahrheiten“ des „sphärischen Gesetzes“ folgt und diese bewusst im Leben umzusetzen versucht,  in den Briefen an die Keilhauer Gemeinschaft ein ständiges Thema . Aber auch in den 1840er-Jahren war es in seiner Verbindung zum Kindergarten präsent. Hier sticht der Brief an Max Leidesdorf vom 21. März 1846 heraus, eine der prägnantesten Erklärungen des Sphärengesetzes, die Fröbel mit Fragen der Erziehung und des Kindergartens verbindet .

Was aber meinte Fröbel mit dem „sphärischen Gesetz“?

„Einen Grund, Einen Quell, Einen Ausgangspunkt nur hat alles Daseiende, hat alles, was wir Natur, Welt, Schöpfung, All nennen; hat alles Wesen, alles Sein, alles Leben, wo es nur immer erscheint und sich kund thut, oder wo es selbst noch, – geahnet oder ungeahnet – schlummert“ .

Und „dieser Urgrund, Uranfang und Urquell alles Daseienden ist das in sich u. durch sich bewußte Wesen, Sein u. Leben selbst; ist das sich Bewußte in sich Einige, darum Gute, Gott“ . Gott ist der „Urquell u. Schöpfer aller Dinge“ . Alles, was existiert, Natur und Menschheit, ist von Gott geschaffen. Der Mensch aber, als „die Krone und Blüthe, die Frucht der Schöpfung“ , ist dazu berufen, sich bewusst zu werden, dass Gott in allem ist und gesehen werden kann. Mehr noch, Menschen müssen entsprechend leben. Der Mensch allein kann seine Umgebung nicht nur wahrnehmen, sondern auch verstehen und die Zusammenhänge zwischen allem, was existiert, begreifen. Er muss sich bewusst werden, dass er als Einheit existiert, so wie alles Daseiende als Einheit existiert. Jeder Mensch hat die Möglichkeit, sein Inneres zu formen, indem er über sein „sphärisches Wesen“ nachdenkt und „sphärisch“ handelt – um so in „Lebenseinigung“ zu leben.

Aus dem „sphärischen Gesetz“ und der Aufgabe der gelebten „Lebenseinigung“ ergeben sich für Fröbel auch die Mittel und das Ziel von Erziehung. Nur eine Erziehung – Fröbel hat sie am Ende seines Lebens als „entwickelnd-erziehende Menschenbildung“ bezeichnet –, die der aus dem „sphärischen Gesetz“ ergebenden Wahrheit folgt, ist natürlich und wird der natürlichen Entwicklung eines Kindes gerecht. Das „Welt- u. Lebensgesetz“ ist „der Schlüssel zur wahren Erkenntniß und zur richtigen Beachtung u. Behandlung jedes Dinges, also auch der Schlüssel zur allseitig entsprechenden und genügenden Erziehung des Menschen“ .

Und dies ist folglich auch die Aufgabe des Kindergartens. Der Kindergarten ist ein Ort, an dem „Kinder zur Kundmachung und Offenbarung wie zum Bewußtwerden und bewußten Darleben ihres eigentlichen Menschenwesens, des Göttlichen in menschlicher Erscheinung gepflegt und erzogen werden sollen“ . Sein Ziel ist es, den Menschen darin zu unterstützen, zu seiner Bestimmung, zur „Lebenseinigung“ zu gelangen. Für Fröbel ergeben sich alle pädagogischen Bemühungen und deren Ziele aus dem „sphärischen Gesetz“, ignoriert man dies, kann man Fröbels Kindergartenpädagogik nicht „authentisch“ und immer nur verkürzt darstellen.

Fröbel-Kindergarten Lithographie by A. Schmiedeknecht around 1840 Bildarchiv Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg (Picture Library Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg

Abb. 2: Fröbels Kindergarten in Blankenburg, Lithographie von A. Schmiedeknecht, um 1840 (Bildrechte: Bildarchiv Friedrich-Fröbel-Museum Bad Blankenburg)

Warum Fröbels Pädagogik bis heute relevant ist

All dies klingt heute nur wenig attraktiv. Und dennoch fühlen sich viele Praktiker:innen, gerade auch im internationalen Kontext, von Fröbel inspiriert. Warum? Ich werde nun auf einige wesentliche Ideen seiner Kindergartenpädagogik eingehen, die bis heute bedenkenswert sind. Dabei werde ich Bezug auf die gesellschaftspolitischen Veränderungen nehmen, die mit dem Politologen Veith Selk als „Demokratiedämmerung” bezeichnet werden können. Man kann natürlich bezweifeln, dass Pädagogik überhaupt in der Lage ist, zur Lösung gesellschaftspolitischer Probleme beizutragen, und dieser empfehlen, sich lieber auf das pädagogische Kerngeschäft zu konzentrieren. All dies mag sicher richtig sein. Angesichts der Bedeutung und der gravierenden Konsequenzen, die die Zerstörung der Demokratie für Kinder und ihre Zukunft hat, erscheint es mir jedoch unverantwortlich, derartige Themen zu ignorieren. Deshalb möchte ich einige Überlegungen teilen. Zwar bin ich mir bewusst, dass ich kaum befriedigende Lösungen bieten kann. Aber beim Denken mit Fröbel geht es ja zum Glück weniger darum, die richtigen Antworten zu liefern, als vielmehr darum, neue Fragen zu stellen. Die Hoffnung ist, so neue Diskussionen anzuregen.

Demokratie befindet sich in der Krise . Weltweit werden die Demokratie, ihre Legitimation und Effektivität, skeptisch betrachtet. 2024 ist das neunzehnte Jahr in Folge, in dem Freiheit und Demokratie global zurückgegangen sind . Selbst liberale Demokratien, die als stabil galten, sind bedroht oder werden bereits langsam in autokratische Systeme überführt . Demokratie stirbt dabei nicht mit einem lauten Knall, und eine solche „Demokratiedämmerung“ hat auch in Deutschland längst begonnen. Dies gilt insbesondere für Fröbels Heimat. In Thüringen hat bei der letzten Bundestagswahl eine als gesichert rechtsextrem eingestufte, um nicht zu sagen, faschistische Partei 38,6 % der Stimmen erhalten. Und nach den Landtagswahlen im September 2026 in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist es möglich, dass eben diese Partei an die Macht kommt. Was mag dies für Fröbels Erbe bedeuten? Welche Rolle kann, ja muss, eine Frühkindpädagogik in Fröbels Namen spielen, um demokratische Werte und gelebte Alltagsdemokratie zu stärken? Und wie anfällig ist Fröbel für eine Vereinnahmung durch rechtsgerichtetes Gedankengut?

War Fröbel ein Vertreter einer Nationalerziehung?

Fröbels Pädagogik enthält fraglos Elemente nationaler Erziehung. Und reißt man diese aus dem Kontext, können sie missverstanden werden. So hieß das Institut in Keilhau „Allgemeine Deutsche Erziehungsanstalt“, und während der frühen 1820er-Jahre hat Fröbel auch sein Konzept einer National-, oder besser Volkserziehung entwickelt,  insbesondere in den Schriften An unser deutsches Volk und Über deutsche Erziehung überhaupt und über das allgemeine Deutsche der Erziehungsanstalt in Keilhau insbesondere . Und 1841, als er den „allgemeinen deutschen Kindergarten“ vorstellte, betonte Fröbel erneut:

“Was spricht sich nun als Wesen, Forderung und Eigenschaft dieses allgemeinen deutschen Kindergartens aus:
1. Er heiße nicht nur, sondern sei auch wahrhaft ein deutscher Kindergarten, nicht als ausschließend, sondern als ein Werk, dessen Gedanke und Idee nicht nur von deutschem Gemüte empfunden und in demselben entsprungen, demselben entkeimt, sondern mit deutschem Sinne und Geist auch von demselben gepflegt und mit deutschem Geiste und deutscher Kraft ausgeführt worden ist” .

Die Betonung des “Deutschen“ und der Bedeutung von Erziehung und Bildung für das „Nationale“ sticht hervor. Zudem war Fröbel nur bedingt ein Demokrat, weder im heutigen Sinne noch hätten ihn seine Zeitgenossen als solchen bezeichnet. Zwar hat er die Revolution von 1848 positiv begrüßt , aber dies war wohl eher ein opportunistischer Schachzug, um den Kindergarten als Teil des öffentlichen Bildungssystems zu etablieren .

Aber auch wenn Fröbel Begriffe wie „deutsch“ und „national“ verwendet hat, besaßen diese doch eine andere Konnotation als heute, da wir sie vor dem Hintergrund der Erfahrung des Nationalsozialismus lesen. Und liest man z.B. die Schrift An unser Deutsches Volk , dann wird schnell klar, dass Fröbel unter Volkserziehung doch eher ein Konzept einer allgemein menschlichen Bildung verstanden hat. Karl Christian Friedrich Krause, einer von Fröbels wichtigsten Briefpartnern, hat deshalb in seiner Replik auf Über deutsche Erziehung überhaupt und über das allgemeine Deutsche der Erziehungsanstalt in Keilhau insbesondere Fröbel auch darauf hingewiesen: „Möge die Erziehungsanstalt zu Keilhau und ihr Vorsteher bald erkennen und bekennen, dass sie zuerst eine rein menschliche und eben dadurch untergeordneterweise auch eine deutsche Anstalt sein, dass sie erst wesentlich Menschen und dann zugleich auch Deutsche erziehen und bilden soll“ .

Fröbels frühes Konzept der Volkserziehung zielte auf „Lebenseinigung“ und „entwickelnd-erziehende Menschenbildung“ ab, auch wenn er diese Begriffe zu dieser Zeit nicht verwendet hat. Deshalb ist auch Mathias Brodbeck zuzustimmen, der betont, dass diese frühen Schriften „zeigen, wie Fröbel sich von einer zunächst national geprägten Erziehungsidee zu einem universellen Konzept der „Menschenerziehung“ hinbewegte“ .

Solche Positionen haben jedoch nichts mit chauvinistischem Nationalismus zu tun, weshalb man Fröbel auch nicht mit den gegenwärtigen nationalistischen, rechtsextremen und rassistischen Bewegungen verbinden kann. Dies gilt auch für Fröbels Vorstellung von Familie. Fraglos war die Familie Fröbel wichtig. Aber das Familienleben in der Gemeinschaft von Keilhau war alles andere als traditionell und erinnert eher an eine Kommune. Fröbel war nicht an einem Familienleben interessiert, wie es heute „von rechts“ mit dem Zielbild einer angeblich wahren Familie von Vater, Mutter und (möglichst vielen und möglichst deutschen) Kindern propagiert wird.

Nichtsdestotrotz besteht die Gefahr, dass Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen werden. Schon allein deshalb bleibt historische Arbeit so wichtig. Um sich gegen nationalistische Vereinnahmungen wehren zu können, muss man erst mal wissen, was Fröbel wirklich gemeint hat. Und der „authentische Fröbel“ ist nicht mit rechten Vorstellungen von Familie und Erziehung vereinbar. All dies gilt es deutlich zu betonen, denn wie sich gegenwärtig zeigt: Vom Rechtschwenk der demokratischen Parteien und der Normalisierung rechter Narrative profitieren allein rechte Extremisten. Wer mit Fröbel argumentiert, darf sich deshalb auch nicht auf Werte und ein Verständnis von Erziehung und Familie einlassen, die die Demokratie zerstören wollen. Es gilt, Stellung zu beziehen, und dies deutlich.

Fröbels Pädagogik der Hoffnung

Aber zurück zur Frage, warum es sich lohnt, mit Fröbel über dieses Thema nachzudenken. Was Fröbel bis heute faszinierend macht, sind die Hoffnung und der Optimismus, die von seiner Pädagogik ausgehen. Fröbel hat stets von einer besseren Zukunft geträumt und war überzeugt, dass seine Pädagogik zu einer solchen führen würde; eine Zukunft, in der die Menschen in „Lebenseinigung“ leben. Diese Prinzipien eines humanen Lebens, des Friedens und insbesondere der Hoffnung sind heute relevant. Denn wobei würde es helfen, verzweifelt aufzugeben? In dunklen Zeiten hoffnungsvoll zu sein, ist nicht naiv, sondern eine Vergewisserung der Tatsache, dass die Geschichte der Menschheit auch eine Geschichte des Mitgefühls, der Opferbereitschaft und des Mutes ist . Fröbel, der so oft sein Lebenswerk verlacht und am Ende seines Lebens sogar als der „Narr von Liebenstein“ verunglimpft wurde, nur um dann sogar noch das Verbot des Kindergartens in Preußen mitzuerleben , hat nie seinen Optimismus verloren. Stets hat er daran geglaubt, dass Veränderung möglich ist und durch Erziehung erreicht werden kann. Hoffnung, Moral und Zivilcourage sind unerlässlich, wie Anne Rabe gerade erst betont hat, denn es „gibt uns die Freiheit zu hoffen, weil wir wissen, dass eine Welt, die wir denken können, eine Welt ist, die es geben kann“ . Fröbels Pädagogik erinnert daran.

Erziehung für alle!

Und dies bedeutet, dass alle Kinder ein Recht auf Bildung besitzen. Es ist eine, sogar die wesentliche Grundsäule von Demokratie, und Fröbel hat sie vertreten:

“Die Kindergärten schließen darum keinen Stand, keine Klasse und Bildungsstufen der Eltern und des bürgerlichen, gesellschaftlichen Lebens aus. Das Kind eines Jeden wird wie vor allem zuerst als Mensch so als ein zur Förderung des bürgerlichen Wohles bestimmtes Glied der Gesellschaft anerkannt und behandelt. Der Gedanke der Kindergärten umfaßt darum Stadt und Land, die Kinder aller Verhältnisse; denn die Kinder aller Stände sollen von frühe an dem Einklange des Lebensganzen im Erkennen und Tun entgegengebildet werden” .

Alle Kinder, nicht nur wenige Privilegierte, haben ein Recht auf Bildung. Und nicht nur das: Alle Kinder haben das Recht auf allgemeine Bildung; eine Bildung, die dieses Wort verdient: eine „entwickelnd-erziehende Menschenbildung.“ Der Kindergarten, und die mit ihm verbundene allgemeine Bildung sind für alle Kinder unerlässlich. Ziel muss es sein „den Kindern aller Lebensverhältnisse eine menschwürdige, dem Wesen und der allgemeinen wie besonderen Bestimmung des Menschen entsprechende begründete Erziehung und Bildung zu geben” . Das Recht aller auf Bildung ist ein Gedanke, der bis heute nicht an Wert verloren hat, da er noch immer nicht umgesetzt ist.

Eigenaktivität und Selbsttätigkeit

Eine solche frühkindliche Bildung verlangt nach Selbsttätigkeit, nach Selbstbildung, wie wir heute sagen würden. Nur durch und in Selbstbildung kann ein Kind sein Selbst als Teil der Welt konstruieren, die Welt erfassen und ihr Sinn geben. Selbsttätigkeit erlaubt Kindern, sich einen Sinn von und ihrem Selbst in der Welt zu machen. Kinder wollen, ja müssen aktiv sein, sich selbst bilden. Nur so ist es Kindern möglich, Erfahrungen zu verinnerlichen und zu verarbeiten, sowie Gedanken und Gefühle auszudrücken. Oder in Fröbels Worten: Das Kind muss so angeleitet werden, dass es „die Natur und die Menschenwelt schaffend aus sich darstelle und schauend in sich aufnehme, aus der Einheit die Mannigfaltigkeit entwickele und für jede Mannigfaltigkeit die Einheit wieder finden lerne“ .

Bildung braucht Erziehung

Diese Leistung des Kindes, Selbstbildung, ist jedoch auf einen Gegenpart angewiesen, der als Erziehung bezeichnet werden kann. Kinder brauchen eine anregungsreiche Umgebung und stimulierende Interaktionen. Erziehung wäre hier als relationaler Prozess zu verstehen, in dem jemand (z. B. eine aufmerksame und absichtsvolle Fachkraft) jemanden (ein kleines Kind) erzieht (in der ganzen Bedeutung des Wortes).

So würde man dies heute formulieren, aber auch Fröbel hat ähnliche Ansichten vertreten. Bei ihm steht dies natürlich im Zusammenhang mit „Lebenseinigung“. Kinder wissen zwar nicht, dass es ihre Aufgabe ist, das „sphärische Gesetz“ zu verstehen und zu leben, aber sie besitzen eine „Ahnung,“ wie Fröbel dies genannt hat. Diese Ahnung muss gepflegt und gefördert werden, damit das Kind „in der Einheit seines Lebens zur Vernünftigkeit, zu Ahnung des innersten Lebenszusammenhangs“ gelangt. Erziehung muss „dem Kinde in seiner Entwicklung helfend beistehen“, denn nur dies ist die „Erziehung des Kindes des Menschen durch den Menschen; die darum eigentlich auch nur menschl[iche] Erziehung“ . Kinder werden in „Hülflosigkeit“ geboren, aber diese Hilflosigkeit ist keine Schwäche, sondern Voraussetzung von Selbstbildung: „Die Hülflosigkeit des Menschenkindes ist also nicht ein Zeichen der Schwachheit des Menschenwesens; sondern der noch schlummernden Menschenkraft, welche aber mit Selbstbeachtung und zur Selbstständig- und Selbstthätigkeit geweckt und so zur klaren Einsicht und bewußtem Gebrauche erhoben werden soll” . Kleine Kinder brauchen, sie verlangen geradezu nach Erziehung. Das Kind in seiner „Hilflosigkeit“, oder anders ausgedrückt Selbstbildung, braucht die Unterstützung, die Anregungen, die Impulse eines Erwachsenen oder Erziehers – Bildung braucht Erziehung. Noch einmal mit Fröbels Worten:

„So ist denn die Hilflosigkeit, in welcher der Mensch geboren wird u. in welcher er selbst noch eine lange Zeit nach seiner Geburt verbleibt recht eigentlich der Stützpunkt, der Keim- und Quellpunkt ächt menschlicher Erziehung, der Erziehung des Kindes seiner Bestimmung u. seines Berufs, der Gottähnlichkeit, der Darlebung seines göttl[ichen] Wesens, der Gotteinigung entgegen, in und durch allseitige Lebenserfassung, Lebenspflege und Lebenseinigung“ .

Eine solche Erziehung darf also nicht allein „nachgehend,“ sie muss auch „vorschreibend“ sein. Die Angewiesenheit des Kindes auf Erziehung beinhaltet zugleich die Aufforderung an die zu Erziehenden, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine gute Erziehung aussieht und auf welchen Normen, Werten und Zielen sie basiert. Eine Gesellschaft, die sich als demokratisch versteht und demokratische Werte wie Diversität, Gleichheit und Inklusion lebt, muss deshalb auch eine entsprechende Erziehung gestalten, und zwar von Beginn an. Will man Demokratie, dann braucht es demokratische Erziehung.

Dies ist alles nicht neu; man muss nur an John Dewey, Janusz Korczak, Paolo Freire, Loris Malaguzzi, Maxine Greene und Nel Noddings denken. Auch in der FBBE gibt es diese Tradition . Kindergärten können „öffentliche Foren in der Zivilgesellschaft” sein; Orte, in denen Kinder und Erwachsene gemeinsam Demokratie auf lokaler Ebene ausüben. Sie können Orte von „Alltagsdemokratie” sein. Dies ist jedoch eine bewusste Entscheidung, die verwirklicht werden muss. Frühkindliche Bildung ist sogar ideal, um demokratische Werte zu stärken. Hier kann Bildung Einfluss nehmen, später wird das viel schwieriger. Auch Fröbel hat die Bedeutung früher Bildung erkannt: „Die entwickelnd-erziehende Menschenbildung oder die vollständig in sich einige Kindergartenbildung beginnt mit der Pflege und Beachtung der Säuglingsstufe“ , so zwei Monate vor seinem Tod. Natürlich haben Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey Recht, wenn sie feststellen: „liberale Bildung und Aufklärung werden nicht ausreichen, um der faschistischen Bedrohung zu begegnen“ . Aber es kann auch nicht schaden, und man sollte sich nicht vom limitierten Einfluss pädagogischer Bemühungen entmutigen lassen. Und Fröbel regt dazu an, darüber nachzudenken.

Ganzheitliche Erziehung, die die Würde des Kindes respektiert

Eine solche Erziehung muss allgemein und ganzheitlich sein. Die Erziehung muss das Kind „immer in der Ganzheit seines Wesens und seiner Tätigkeit“ erfassen. Auch wenn Erziehung auf die individuellen Stärken und Vorlieben eines Kindes eingehen kann, muss „das Ganzwesen des Kindes seine Ausbildung und auch wieder jede einzelne Anlage – und besonders nach den drei Hauptrichtungen: Geist, Gemüt und Tatkraft, Denken, Fühlen und Tun – ihre vollständige Pflege und Anerkenntnis“ bekommen. Noch einmal: Fröbel ging es um ganzheitliche Bildung für alle Kinder. Alle Kinder haben das Recht auf eine ganzheitliche, allgemeine und vielseitige Bildung und nicht nur auf eine Grundbildung, die sie auf das spätere Berufsleben vorbereitet.

Und eine solche Erziehung muss Kinder mit Würde behandeln. In einem späten Brief betonte Fröbel, dass das primäre Ziel des Kindergartens die „Erziehung des Menschen zum Menschen“ sei. Kinder sind zuallererst Menschen und müssen als solche behandelt werden. Und daran gilt es heute täglich zu erinnern. In einer Gesellschaft, in der Sprache immer inhumaner wird und Kinder als Minderheit ohne Schutz an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden , müssen wir uns für die Rechte und Würde aller Kinder einsetzen. Jedes Kind existiert im Hier und Jetzt und ist ein vollwertiges menschliches Wesen mit dem Recht, es selbst zu sein und mit Würde behandelt zu werden. Kinder sind keine Objekte; keine Noch-nicht-Erwachsenen. Kindheit darf nicht auf einen Lebensabschnitt reduziert werden, der nur der Vorbereitung auf das spätere Leben dient. Kinder haben das Recht auf Kindheit und darauf, Kinder zu sein.

Eine Pädagogik, die die Würde und die Menschenrechte der Kinder betont, stärkt die Demokratie. Astrid Lindgren hat dies anlässlich der Preisverleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1978 wie folgt ausgedrückt: „Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun“ . Ich denke, Fröbel hätte Lindgren zugestimmt.

Last but not least: Das Spiel

Und zuletzt muss man auf das zu sprechen kommen, für das Fröbel bis heute berühmt ist und das ihn nach wie vor so attraktiv für viele Praktiker:innen macht: seine Wertschätzung des kindlichen Spiels. Kinder, so hat Fröbel stets betont, lernen im Spiel und durch das Spiel. Kinder müssen spielen. Und damit meinte er wahres Spiel und nicht die pädagogischen Bemühungen, mit denen heute leider allzu oft versucht wird, langweilige Aktivitäten als „Spaß“ zu tarnen. Im wahren Spiel dagegen werde Kinder ganzheitlich gefördert. Das „für die erste Pflege, Erziehung und Bildung des Kindes so Wichtige dieser Spiele,” so Fröbel, liegt darin, „daß sie jederzeit das ganze Kind in der Gesamtheit seiner Tätigkeit wie nach den verschiedenen Richtungen derselben hin zugleich in Anspruch nehmen, also stets zugleich als handelndes, empfindendes und denkendes Wesen“ . Das Spiel ist kein Zeitvertreib, sondern „vielmehr ein ununterbrochenes Lernen, aber am, um, im Leben selbst“ .  Kleine Kinder müssen im und durch das Spiel lernen. Dieser zeitlose, aber oft missverstandene Gedanke war damals unerhört und hat bis heute Gültigkeit – auch wenn er zunehmend in Vergessenheit gerät.

Und das Spiel ermöglicht das Verstehen und Praktizieren demokratischer Werte. Das Spiel ist sogar die Form von Alltagsdemokratie; es besitzt immenses demokratisches Potenzial. “Play, then, in the Froebelian sense, is not ‘innocent.’ It is a space where realities are born, ideas contested, risks taken, mistakes made and identities tested“ . Wenn Kinder spielen, üben sie Zusammenarbeit und gemeinsame Verantwortung, beides Grundsätze, die für die demokratische Teilhabe unerlässlich sind. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten – etwa darüber, wer welche Bausteine bekommt, welche Regeln gelten oder welche Rolle wer spielt. Wenn Kinder diese Konflikte selbst lösen, üben sie Verhandlungsführung, Kompromissfindung und Perspektivwechsel. Spielen erfordert Regeln, denen alle zustimmen und die alle befolgen, die aber möglicherweise überarbeitet werden müssen, wenn sie nicht funktionieren (oder keinen Spaß machen). Im Spiel hat jedes Kind die Möglichkeit, seine Ideen zu äußern und Entscheidungen zu treffen; es kann an der Entwicklung eines Konsenses mitwirken – auch dies ist ein zentraler demokratischer Wert. Und schließlich bringt das Spiel Kinder mit unterschiedlichen Hintergründen, Fähigkeiten und Perspektiven zusammen. Im Spiel lernen Kinder, Unterschiede zu schätzen und die Meinungen anderer zu respektieren.

Deshalb gilt es, auf die Bedeutung des Spiels als Merkmal der Kindheit und des kindlichen Lernens zu bestehen. In einer Welt, in der die Räume und Wahlmöglichkeiten von Kindern immer mehr eingeschränkt werden, immer weniger Zeit für freies Spielen bleibt, in der immer mehr immer früher von Kindern erwartet wird, Vorschriften und Regeln dominieren – wo ist da noch Platz für Kinder, um zu spielen und Demokratie zu üben? Fröbels Pädagogik ist eine der eindringlichsten Aufforderungen, sich für das Spiel und für eine FFBE einzusetzen, die Kinder dazu ermuntert, Demokratie im Alltag zu leben. FBBE wird so zu einem wichtigen Bestandteil im Kampf gegen den drohenden Zerfall der Demokratie. Jeder, der sich auf Fröbel bezieht, sollte sich dafür einsetzen.

Ausblick

Fröbel ist bis heute relevant, nicht nur als Klassiker, sondern auch, weil seine Ideen zum kritischen Nachdenken anregen. Aktuelle Arbeiten zeigen das Potenzial, das darin liegt, über aktuelle gesellschaftspolitische Themen mit Fröbel nachzudenken. Ein Beispiel ist Stella Louis, die in ihrem Blog Where does race or anti-racism show up in Froebel zwar zugibt, dass Fröbel sich nicht explizit zu diesem Thema äußert, aber zugleich deutlich macht, wie inspirierend Fröbel sein kann. “In all of Froebel’s translated writing race is not mentioned and whilst anti-racist practice is not explicitly promoted some of Froebel’s key principles about the adult role can be seen to support an anti-racist approach. Even though they do not specify race, they give us a starting point” . Und so hat auch die Internationale Froebel Society gerade erst ein Webinar zum Thema Froebel and Democracy veranstaltet. Man kann also mit Fröbel über gesellschaftspolitische Themen kritisch nachdenken: “My work is deeply rooted in Froebel’s emphasis on play, relationships, and community,” so wiederum Stella Louis, die hier als Beispiel für all die gegenwärtigen theoretischen und praktischen Arbeiten steht, die von Fröbel inspiriert sind. “I believe these principles can be powerful tools for addressing issues of social justice and promoting equity in early years settings” (2025, persönliche E-Mail an mich).

All diese innovativen Ansätze sind vielversprechend. Neue Fragen stellen, Fröbel als Inspiration nutzen, um über essenzielle Fragen der Zukunft nachzudenken – auf diese Weise wird Fröbels Pädagogik auch weiterhin relevant bleiben.

Literatur

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Anmerkungen

Anmerkungen
1 FBBEE wird als Sammelbegriff für sämtliche Formen der öffentlichen Kleinkinderziehung weltweit verwendet.