Quellen, Thematische Sammlung

Digitale Ressourcen für die italienische Bildungsgeschichte – ein Überblick

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Nachdem in der Vergangenheit alle italienischen Versuche gescheitert sind, die wichtigsten Ausdrucksformen des nationalen pädagogischen Denkens in Italien nach dem Beispiel der Monumenta Germaniae Paedagogica zu sammeln und zu kanonisieren, scheinen die Quellen zur italienischen Bildungsgeschichte heute sehr weit von einer Systematisierung entfernt zu sein. Es fehlt, schon auf Papier und erst recht digital, nicht nur an Sammlungen von veröffentlichten und unveröffentlichten Texten, die als Grundlagen einer Tradition anerkannt wären – ein Unterfangen, mit dem sich einige der wichtigsten italienischen Gelehrten der Disziplin, von Luigi Credaro bis Giovanni Calò, im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt haben.[1] Selbst die Schulgeschichte – das fruchtbarste Feld einer Historischen Bildungsforschung, die sich in Italien seit 1945 vom idealistischen Paradigma verabschiedet hat – leidet unter dem weitgehenden Fehlen eines Quellenrepertoires, das den allgemeinen Wiederaufbau des nationalen Bildungssystems nach dem Zweiten Weltkrieg hätte fördernd begleiten können.[2] Eine der wenigen Ausnahmen ist die Reihe Fonti per la storia della scuola (dt.: Quellen für die Schulgeschichte), die vom Ministero per i Beni culturali e ambientali (später Ministero per i Beni e le attività culturali) zwischen 1994 und 2005 herausgegeben wurde.

Die insgesamt sieben Bände umfassen fast sämtliche schulgeschichtlichen Zeugnisse, die in Rom im Zentralen Staatsarchiv aufbewahrt werden. Sie behandeln die Themen „Unterricht zwischen dem Gesetz Casati bis zur Regierung Giovanni Giolittis”, den „höheren Rat für die öffentliche Erziehung zwischen 1847 und 1928”, den „klassischen Unterricht zwischen 1860 und 1910”, die „Scialoja-Untersuchung zur männlichen und weiblichen Sekundarschulbildung zwischen 1872 und 1875”, den „universitären Unterricht zwischen 1859 und 1915”, den „landwirtschaftlichen Unterricht zwischen 1861 und 1928”, die „Institutionen der Erziehung und des Unterrichts für Mädchen und Frauen zwischen 1861 und 1910”.[3] Mittlerweile sind die Bände auch im pdf-Format verfügbar, unter der Adresse http://www.archivi.beniculturali.it/index.php/cosa-facciamo/pubblicazioni/cerca-nelle-pubblicazioni.

Darüber hinaus hat es die Beteiligung einer zunehmenden Zahl italienischer Bibliotheken am Projekt Google Books ermöglicht, eine beträchtliche Anzahl alter oder ohnehin gemeinfreier Bücher zu digitalisieren und digital zur Verfügung zu stellen. Dazu gehören natürlich auch Monographien und Zeitschriften von pädagogischem Interesse, die zum Teil in spezifischeren Webumgebungen verfügbar sind. Beispiele dafür sind die digitalen Repositorien der Biblioteca Nazionale Braidense in Mailand (http://emeroteca.braidense.it/) oder der Biblioteca Nazionale Centrale in Rom (http://digitale.bnc.roma.sbn.it/tecadigitale/emeroteca/), das pädagogische und schulische Publikationen als Volltexte zur Verfügung stellt.

Quellen von bildungshistorischer Bedeutung sind auch in den Staatsarchiven in ganz Italien zu finden. Viele der Verzeichnisse der erhaltenen Bestände können derzeit im pdf-Format auf dem Portal des Sistema archivistico nazionale SAN (https://inventari.san.beniculturali.it/) eingesehen werden. Hier kann man gezielt über Schlüsselwörter suchen. Ein Verzeichnis von Diplom- oder Doktorarbeiten zu bildungshistorischen Themen gibt es in Italien nicht, nur eine einfache Liste von Arbeiten aus dem Zeitraum 2003 bis 2015, die vom Cirse (Centro italiano per la ricerca storico-educativa, dt.: Italienisches Zentrum für bildungshistorische Forschung) auf seiner institutionellen Website (https://new.cirse.it/risorse/tesi-di-dottorato/) veröffentlicht wird. Hier ebenso wie auf der Website der Sipse (Società italiana per lo studio del patrimonio storico-educativo, dt.: Italienische Gesellschaft für das Studium des bildungshistorischen Erbes) (http://www.sipse.eu/) findet die Community der italienischen Bildungshistoriker:innen Informationen über Konferenzen und wissenschaftliche Initiativen, neue Veröffentlichungen und internationale Kontakte.

1. Biografische und bibliografische Repertorien, Schulbuchverlage

Was die digitalen Ressourcen betrifft, so ist die Online-Veröffentlichung des Dizionario biografico dell’educazione (DBE) im Auftrag von Editrice Bibliografica von großer Bedeutung.[4] Das DBE ist das Ergebnis eines „Forschungsprojekts von nationalem Interesse” (Prin), das von einer von Giorgio Chiosso und Roberto Sani koordinierten Gruppe italienischer Universitäten gefördert wurde (http://dbe.editricebibliografica.it/dbe/ricerche.html). Über eine einfache Suchmaske können mehr als 2.300 Profile gefunden werden, die – wie es heißt – „eine Art kollektive Biographie der italienischen Pädagogen der letzten zwei Jahrhunderte darstellen, in der zum ersten Mal neben den berühmtesten Pädagogen, Lehrern und politischen Persönlichkeiten von nationalem und internationalem Ruf auch zahlreiche und vielfältige Personen der neuen Profession der ‚Bildungs- und Schulexperten‘ zu finden sind, die sich im Zuge der zunehmenden Alphabetisierung und der Durchsetzung des Massenschulwesens seit den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gebildet hat.” Unter den biographischen Profilen findet man auch die von Autoren von Unterrichts- und Erziehungsliteratur.

Die digitale Datenbank Edisco (https://www.edisco.unito.it/) ist der Erfassung von Schulhandbüchern des 19. und 20. Jahrhunderts gewidmet. Das Projekt wurde von Paolo Bianchini koordiniert und ist auch das Ergebnis eines Forschungsprojekts, das Anfang der 2000er Jahre von mehreren italienischen Universitäten durchgeführt wurde.[5] Im Gegensatz zu den oben genannten Werken, die bereits in Papierform vorlagen und nun im Internet verfügbar sind, ist diese Website speziell darauf ausgerichtet, der Wissenschaft etwa 25.000 Titel zur Verfügung zu stellen, die nach Durchsicht bibliographischer Verzeichnisse ermittelt wurden und zu denen auf der Seite jeweils eine Datei existiert. Diese Sammlung war wiederum der Ausgangspunkt für Forschungen zum Schulverlagswesen, einem in Italien florierenden Forschungsgebiet.[6] Erwähnenswert ist zudem die Absicht der Projektbeteiligten, eine digitale Bibliothek mit Texten einzurichten, von denen einige bereits im PDF-Format in der Datenbank abgerufen werden können.

Digitale Reproduktionen von Schulhandbüchern für den sprachlichen Anfangsunterricht sind auch auf der Website Historied.net – Studi e risorse per la storia dell’educazione (http://www.historied.net/) zu finden, die zwar seit Jahren nicht mehr gepflegt wird, aber immer noch eine nützliche Sammlung von Forschungsbeiträgen und digitalisierten Quellen darstellt. Die Datenbank, auf die wir uns beziehen, enthält insbesondere die Titelblätter von 166 Fibeln und Alphabeten aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die im kleineren Publikationsfond der Biblioteca Nazionale Centrale di Firenze hinterlegt wurden.

2. Didaktische Materialien: Hefte, Zeugnisse, Bilder und „Dinge“

Speziell für Lehrkräfte und Schüler sowie für diejenigen, die auf diesem Gebiet forschen, wurde die Website La scuola italiana (http://www.storiadellascuolaitaliana.it/) entwickelt, die vom Bildungsministerium und dem Istituto poligrafico e Zecca dello Stato in Zusammenarbeit mit der Biblioteca Nazionale Centrale di Roma, dem Archivio Centrale dello Stato und dem Schulmuseum von Castelnuovo d’Assisi erstellt wurde. Über das leicht zugängliche Menü können folgende Rubriken gewählt werden: „Schulbücher“ (mit digitalen Reproduktionen von Werken, die von 1861 bis 1970 veröffentlicht wurden, unterschieden nach der Klassenstufe), aber auch „Dokumente“ (Schulkalender, Register, Zeugnisse[7], Schulhefte und Tagebücher für Lehrer), „Schulen“ (Abend- und Feiertagsschulen[8], Schulen unter freiem Himmel, Klassen, Schulgebäude), „Ministerium“ (Jahrbücher des Bildungswesens, Superintendenten und Inspektoren, Bildungsminister, im letzteren Fall gibt es allerdings nur eine Datei, die den Unterrichtsminister Ferdinando Martini betrifft), „Gesetze und Reformen“.

Besonders dynamisch erscheint – im Bereich der Digitalisierung – die Situation der mit der „nuovelle histoire“ verbundenen so genannten „neuen Quellen“, mit denen sich die Bildungsgeschichtsschreibung in den letzten Jahrzehnten verstärkt beschäftigt hat. Im Bereich der didaktischen Materialien und ihrer Produktion ist die Aufmerksamkeit interessant, die seit Anfang der 2000er Jahre den Schulheften gewidmet ist, angefangen mit dem Projekt Fisqued – Fondi italiani storici di quaderni ed elaborati didattici, das von Indire (Istituto nazionale di documentazione per l’innovazione e la ricerca educativa) unterstützt wird (https://www.indire. it/project/fisqed/).[9] Der Katalog, der derzeit nicht einsehbar ist, enthält 20 Kategorien von Dokumenten, die in Bibliotheken und Schulmuseen, aber auch in Schularchiven aufbewahrt werden: Übungen, schriftliche und illustrierte Aufsätze, Forschungsarbeiten, Korrespondenz, Tagebücher, Rundschreiben, Lehrpläne und Fibeln, Musik, Ausschneide- und Zeichenalben, Stickmuster, Notizen und Tests, alle aus dem 19. und 20. Jahrhundert, bis in die 1980er Jahre hinein.[10]

Abb 1: Schulübungsheft, 1939. Digitales Archiv des Projekts CoDiSSC (http://codissc.it/archivio-digitale/quaderno-967).

Das Projekt Codissc – Corpus digitale delle scritture scolastiche (http://codissc.it/) war zunächst auf ein bestimmtes geografisches Gebiet beschränkt – das Aosta-Tal – und wurde nun auf ein größeres Gebiet ausgedehnt. Die 2003 unter dem Namen Codisv – Corpus digitale delle scritture scolastiche d’ambito valdostano gegründete und an der Universität des Aosta-Tals angesiedelte Datenbank stellt mehr als 1.300 Reproduktionen von Schulheften und anderen Schriften zur Verfügung, die seit der Vereinigung Italiens bis heute entstanden sind. Zu den anfänglichen historisch-linguistischen und sprachdidaktischen Zielen sind im Laufe der Zeit weitere Interessen interdisziplinärer Art hinzugekommen: Ein spezieller Bereich der Website ermöglicht es, die aus der Nutzung dieser besonderen Art von Quellen resultierenden Forschungen einzusehen und in vielen Fällen im Volltext zu lesen.

Erwähnenswert ist auch die Website des Vereins Quaderni aperti in Mailand (http://www.quaderniaperti.it/), der seit fast zwanzig Jahren Schülerhefte, insbesondere aus dem Bereich Primar- und Sekundarstufe I, auf partizipative Weise sammelt, austauscht und aufwertet – auch über Facebook.

Abb. 2: Chemie-Raum, Regio Istituto tecnico Paolo Sarpi, Venedig, 1925-1928. Archivio Storico Indire, Fondo fotografico (https://fotoedu.indire.it/index.php/Detail/objects/135).

Ebenfalls mit Indire verbunden ist das Projekt Fotoedu – Archivi fotografici per la storia della scuola e dell’educazione (https://www.indire.it/progetto/fotoedu/), hervorgegangen aus der Neuordnung der Fotoarchive des Instituts, deren Kernbestand an Fotografien auf die 1925 unter dem Vorsitz von Giovanni Calò eröffnete Nationale Bildungsausstellung zurückgeht, die dann schrittweise erweitert wurde. Mehr als 14.000 Fotos, die über eine Suchmaschine frei zugänglich sind, zeichnen die Geschichte der italienischen Schule in ihren verschiedenen Aspekten nach, von der Architektur über die Schulpraxis bis zur Arbeit des Nationalen Bildungszentrums in Florenz, dem Vorläufer von Indire.[11]

Die didaktischen Materialien der städtischen Schulen von Mantua (Schulen nach den Konzepten von Fröbel, Agazzi, Montessori und anderen), die ursprünglich gesammelt wurden auf einer von der Universität Pavia unter der wissenschaftlichen Leitung von Monica Ferrari betriebenen, aber inzwischen abgeschalteten Website mit dem Titel La lezione delle cose (Die Lektion der Dinge), bilden zusammen mit Objekten, die ebenfalls dem schulischen bzw. benachbarten Erfahrungsräumen entstammen, die Grundlage für die Reflexion und Wiederentdeckung der „Dinge“ als expliziten oder latenten Agenten der Erziehung. Der Katalog, der von einer Reihe von Aufsätzen zu diesem Thema begleitet wird, ist jetzt als Open-Access-Band[12] auf der Website der Stadt Mantua, Bereich Bildungspolitik (http://pubblicaistruzione.comune.mantova.it/content/section/15/141/), verfügbar.

3. Schul- und Bildungsmuseen, Dokumentations- und Forschungszentren, virtuelle Bibliotheken

Für die italienische Bildungsgeschichte wichtig ist nicht zuletzt die Präsenz von Bildungsmuseen im Netz, von denen einige alte und angesehene Gründungen sind. Dies gilt beispielsweise für das 1874 von Ruggiero Bonghi gegründete, mehrfach umgestaltete und neu ausgestattete Schul- und Bildungsmuseum Mauro Laeng in Rom (https://scienzeformazione.uniroma3.it/terza-missione/mused/); das Schulmuseum in Bozen (http://www.comune.bolzano.it/cultura_context.jsp?ID_LINK=751&area=48); das Dokumentations- und Forschungszentrum für die Geschichte des Schulwesens in Südtirol, ebenfalls in Bozen (https://www.unibz.it/it/faculties/education/eduspace-south-tyrol-educational-history/); das Erziehungsmuseum in Padua (https://www.musei. unipd.it/it/educazione); das Schul- und Kinderbuch-Museum der Fondazione Tancredi di Barolo in Turin (https://www.fondazionetancredidibarolo.com/il-musli/); das Didaktik-Museum im Staatsarchiv in Piacenza (http://www.archiviodistatopiacenza.beniculturali.it/index.php?it/276/museo-didattico-e-della-didattica); das Museo Officina dell’educazione in Bologna (https://www.doc.mode.unibo.it/); das Schul- und Allgemeinerziehungsmuseum in Campobasso (https://www.unimol.it/https-www-unimol-it-ricerca/centri/ce-s-i-s/museo-della-scuola/).

Dem Schulmuseum Paolo e Ornella Ricca in Macerata (http://museodellascuola.unimc.it/) angeschlossen sind das Centro di documentazione e ricerca sulla storia del libro scolastico e della letteratura per l’infanzia (https://www.unimc.it/cescom/it/il-centro) sowie das Osservatorio permanente dei musei dell’educazione e dei centri di ricerca sul patrimonio storico-educativo (https://www.unimc.it/cescom/it/openmuse), mit einem wertvollen Verzeichnis und einer Karte der Museen und historischen Unterrichtsräume, auch der kleineren, zu diesem Thema in Italien.

Obwohl jede Website unterschiedlich konzipiert ist, bietet jede Informationen zu den Dienstleistungen, eine kurze Vorstellung des Museums, eine mehr oder weniger ausführliche Beschreibung des jeweiligen Kulturerbes und einen Vorschlag für Ausstellungsrouten. Einzigartig sind schließlich das Schulmuseum Indire, eine virtuelle Neugestaltung des 1941 eingeweihten Museum des nationalen Didaktik-Zentrum in Florenz (https://www.indire.it/museonazionaledellascuola/), und das Schulmuseum, das von der gleichnamigen, von Umberto Cattabrini gegründeten und heute von Gianfranco Staccioli geleiteten Vereinigung geschaffen und umgesetzt wurde (https://www.museodellascuola.it/). Diese widmet sich der Sammlung von Quellen, Forschungen und Zeugnissen und verbindet dabei insbesondere Forschung und Materialerschließung mit der Ausbildung von Lehrkräften zu Themen der historischen und dokumentarischen Kultur.

Abb. 3: Die Mappe von Pinocchio, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts (https://www.museodellascuola.it/la-cartella-di-pinocchio/).

Neben Museen stellen auch Forschungszentren, die nach einzelnen Pädagogen benannt und auf deren pädagogisches Angebot spezialisiert sind, interessante wissenschaftliche Ressourcen dar, wenn sie im Internet aktiv sind – vor allem dann, wenn sie einen direkten Zugang zu den Quellen ermöglichen, wie im Falle des 2008 von der gesetzgebenden Versammlung der Region Emilia-Romagna eröffneten Alberto-Manzi-Zentrums. Das Archiv des „Meisters des italienischen Fernsehens“, der einer breiten Öffentlichkeit durch seine populäre Alphabetisierungssendung Non è mai troppo tardi (Es ist nie zu spät) bekannt ist, die zwischen 1960 und 1968 von der RAI ausgestrahlt wurde, kann teilweise unter https://www.centroalbertomanzi.it/category/archivio-centro-manzi/ eingesehen werden, zusammen mit den Veröffentlichungen des Zentrums und einigen biografischen Informationen. Die Vervielfältigung von Dokumenten (Notizen, Studien und Projekten, Vorbereitungsmaterial für Romane und Veröffentlichungen, Korrespondenz, Fotografien, Aufzeichnungen, Schülertagebücher) ist auf Anfrage gestattet.

Unter den Angeboten, die berühmten Persönlichkeiten der italienischen Erziehungsszene gewidmet sind, sticht der neue Atlante Montessori (https://atlantemontessori.org/) hervor. Er wird im Rahmen der Prin „Maria Montessori zwischen Geschichte und Aktualität“ gefördert. Zusammen mit der kritischen digitalen Ausgabe von „Die Methode wissenschaftlicher Pädagogik” bietet er ein Lemma und digitale Repertorien, die für die historische Aufarbeitung der Montessori-Pädagogik nützlich sind.

Abb.4: Ineinandergreifende Gegenstände und Boxen mit abgestuften Geräuschen. Von M. Montessori, Il metodo della pedagogia scientifica applicato all’educazione infantile nelle Case dei bambini. Roma: Maglione e Strini, 1926 (kritische digitale Edition unter: https://atlantemontessori.org/metodo/?s3=0&s4=1).

Eine wertvolle Quelle ist schließlich die virtuelle Bibliothek von Aldo Visalberghi, einem international anerkannten Pädagogen und Präsidenten des Centro Europeo dell’educazione (dt.: Europäischen Zentrums für Bildung) mit Sitz in Frascati. Im digitalen Raum, der vom Labor für experimentelle Pädagogik an der Universität Roma Tre (http://spaziogutenberg.uniroma3.it/aldovisalberghi/) gefördert wird, können die meisten Schriften Visalberghis mit freundlicher Genehmigung seiner Erben eingesehen und kostenlos heruntergeladen werden.

4. Oral History und Public History, Schulerinnerungen

Mündliche Quellen, die in jüngster Zeit hinsichtlich ihres heuristischen Potenzials auch in Bezug auf die Bildungsgeschichte neu bewertet wurden, stellen eine weitere Herausforderung für die Forschung dar, weil sie die Fähigkeit erfordern, mit digitalen Werkzeugen umzugehen. In den letzten Jahren haben mehrere italienische Universitäten Initiativen durchgeführt, die darauf abzielen, die Stimmen von Zeugen im Bildungsbereich zu sammeln, allerdings ohne dass diese in allen Fällen bereits im Internet veröffentlicht wurden.[13]

Zu den Projekten, die sich bislang zu kohärenten digitalen Angeboten entwickelt haben, zählt zum einen Memorie di scuola (https://memoriediscuola.it/), koordiniert von Gianfranco Bandini, das eine Reihe von Video-Interviews von meist pensionierten Lehrkräften umfasst, die von Schüler:innen und Freiwilligen entwickelt und bearbeitet wurden[14], und zum anderen Memorie d’infanzia (https://www.memoriedinfanzia. it/), unter der wissenschaftlichen Leitung von Stefano Oliviero, das Zeugnisse von Menschen umfasst, die ihre Kindheit im republikanischen Italien verbracht haben und „die großen Umwälzungen, die das Land geprägt haben, einschließlich des Wirtschaftswunders und der Wohlstandsgesellschaft”, miterlebt haben, sowie von Erzieher:innen, die in den ersten, nach 1971 eingerichteten Erziehungseinrichtungen für Kinder gearbeitet haben. Gemäß der Prinzipien der Public History sollen an diesem Projekt aber nicht nur Wissenschaftler:innen, Student:innen und Fachleute mitarbeiten, sondern die gesamte Gesellschaft.[15]

Diese beiden Forschungsinitiativen waren wiederum das Experimentierfeld für eine Sektion, aus der sich ein großes, staatlich finanziertes Projekt unter Forschungsleiter Roberto Sani entwickelt hat, das sich auf das schulische Gedächtnis (memoria scolastica) als individuelle, kollektive und öffentliche Praxis konzentriert (https://www.memoriascolastica.it/il-progetto). Das zugehörige Portal enthält auch elektronische Repertorien von Schultagebüchern und Autobiografien (von der Forschungsabteilung der Roma Tre in Zusammenarbeit mit der Unterabteilung Turin) und von audiovisuellen Werken, die im 20. Jahrhundert in Italien zum Thema Schule und Lehrer produziert wurden (von der Forschungsabteilung der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand in Zusammenarbeit mit der Unterabteilung Padua), Illustrationen, Kunstwerke und Literatur über Schulen (alle von der Forschungsabteilung Roma Tre), öffentliche Memoiren von Pädagog:innen und Wissenschaftler:innen (von der Forschungseinrichtung Macerata), Ehrungen von Vertreter:innen und Institutionen aus dem Bildungsbereich (von den Forschungsabteilungen Molise und Basilicata).

5. Periodische Veröffentlichungen

Seit einigen Jahren haben auch einige italienische pädagogische Fachzeitschriften eine Open-Access-Politik eingeführt. Darunter die „Rivista di storia dell’educazione“ (https://www.rivistadistoriadelleducazione.it), die seit Band 4 (2017) vollständig im Volltext zugänglich ist, und die neuere Zeitschrift „Gli Argonauti. Rivista di studi storico-educativi e pedagogici“ (https://cab.unime.it/journals/index.php/argo), die derzeit mit den ersten beiden Ausgaben online ist. Die „Annali di storia dell’educazione e delle istituzioni scolastiche“ (https://www.morcelliana.net/204-annali-di-storia-dell-educazione) sind seit Nr. 21 (2014) in digitaler Form auf Torrossa, der Seite einer digitalen Buchhandlung, verfügbar, während die kompletten Ausgaben der „History of Education and Children’s Literature“ (http://www.hecl.it) bis 2017 nur über Indices und Abstracts einsehbar sind. Außerdem enthalten einige pädagogische Zeitschriften Studien zu bildungshistorischen Themen sowie Artikel zur Bildungsphilosophie, zur allgemeinen und experimentellen Pädagogik und Didaktik. Dasselbe gilt auch für historische Zeitschriften, die wiederum bildungshistorische Aufsätze enthalten können.[16] Speziell der Hochschulbildung gewidmet sind die „Annali di storia delle università italiane“ (https://centri.unibo.it/cisui/it/pubblicazioni/annali-di-storia-delle-universita-italiane), die von Nr. 3 (1999) bis Nr. 18 (2014) im Volltext heruntergeladen werden können und danach zumindest mit ihren Indices verfügbar sind.

Wie auch das Buch von Bandini und Bianchini aus dem Jahr 2007 , das einen der ersten Versuche in Italien darstellt, über das Thema „Geschichte machen im Internet” (im Bereich der Bildung und darüber hinaus) nachzudenken, ist auch dieser Beitrag aus der Erfahrung entstanden. Folglich geht er von praktischen Impulsen aus, die nicht zuletzt aus der Notwendigkeit resultieren, dass sich die nationale akademische Community für globalere Perspektiven öffnet und ihren Blick erweitert in Richtung einer Gesamtvision, die Mikro- und die Makroebene zu verbinden weiß . Aus diesem Grund ist die Gelegenheit, hier – im Anschluss an die Veröffentlichungen von Monika Mattes für Deutschland und Antonin Dubois für Frankreich – die digitalen Ressourcen der Bildungsgeschichte und bildungshistorischen Forschung für Italien zu präsentieren, nicht nur willkommen, sondern auch wichtig im Hinblick auf eine gegenseitige Kenntnis sowie die Entwicklung von gemeinsamen Strategien, die den Herausforderungen unserer Zeit gerecht werden können.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Das Thema ist Gegenstand der genauen Rekonstruktion in .
2 Zumindest die italienischen Rechtsvorschriften – auch die schulbezogenen – sind heute aber fast vollständig online auf der Website des Amtsblattes verfügbar (https://www.gazzettaufficiale.it/).
3 Die genauen Titel der Bände und ihre Herausgeber heißen: Istruzione normale dalla legge Casati all’età giolittiana (herausgegeben von C. Covato und A.M. Sorge, 1994), Consiglio superiore della pubblica istruzione, 1847-1928 (herausgegeben von G. Ciampi und C. Santangeli, 1994), Istruzione classica, 1860-1910 (herausgegeben von G. Bonetta und G. Fioravanti, 1995), Inchiesta Scialoja sulla istruzione secondaria maschile e femminile, 1872-1875 (herausgegeben von L. Montevecchi und M. Raicich, 1995), Istruzione universitaria, 1859-1915 (herausgegeben von G. Fioravanti, M. Moretti und I. Porciani, 2000), Istruzione agraria, 1861-1928 (herausgegeben von A.P. Bidolli und S. Soldani) und Istituti femminili di educazione e di istruzione, 1861-1910 (herausgegeben von S. Franchini und P. Puzzuoli, 2005).
4 Seit einigen Jahren ist auch das allgemeinere Dizionario biografico degli italiani (https://www.treccani.it/biografico/) online, ein monumentales Projekt des Instituts für die italienische Enzyklopädie in 100 Bänden (1960-2020), mit Profilen u. a. von großen Erziehern und Pädagogen vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
5 Vgl. .
6 Um uns auf das zu beschränken, was auf der Website erwähnt wird, siehe und ; ; ; .
7 Nützliche Beispiele für Zeugnisse aus der Zeit des Faschismus finden Sie auch unter https://pagelle-italiane.blogspot.com/.
8 Letztere sind im deutsche Kontext unter dem Begriff der “Sonntagsschulen” bekannt. In beiden Schultypen findet der Unterricht außerhalb der üblichen Schulzeiten statt – in ersterem in den Abendstunden, in letzterem an arbeitsfreien Tagen.
9 Über Thema und Projekt vgl. .
10 Vgl. .
11 Für einen breiteren historiographischen Rahmen vgl. .
12
13 Für einen Überblick vgl. .
14 Vgl.
15 Im Juni 2020 wurde innerhalb der Aiph (Italian Association of Public History) eine spezielle Arbeitsgruppe zum Thema „Public History of Education“ eingerichtet (https://aiph.hypotheses.org/il-gruppo-di-lavoro-sulla-public-history-of-education).
16 Als Beispiel erinnere ich, auch wegen der langfristigen Nützlichkeit des Repertoriums, an den Artikel von , der im offenen Zugang auf Reti medievali Rivista (http://www.serena.unina.it/index.php/rm/article/view/4837/5427) veröffentlicht wurde.

Literatur

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