{"id":3975,"date":"2022-05-17T11:25:00","date_gmt":"2022-05-17T09:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/?p=3975"},"modified":"2023-06-27T11:30:01","modified_gmt":"2023-06-27T09:30:01","slug":"zur-gesunden-lebensfuehrung-fuehren-eine-kurze-geschichte-der-gesundheitsaufklaerung-im-20-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/beitrag\/3975\/","title":{"rendered":"Zur gesunden Lebensf\u00fchrung f\u00fchren. Eine kurze Geschichte der Gesundheitsaufkl\u00e4rung im 20. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"\n<p>Pr\u00e4vention ist ein moderner Modus der Zukunftsgestaltung. Vor allem seit der biopolitischen \u201eEntdeckung\u201c der Bev\u00f6lkerung als einer zu hegenden Ressource staatlicher St\u00e4rke im 18. Jahrhundert intensivierte sich der vorauseilende Schutz vor unerw\u00fcnschten Entwicklungen <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-JPF3CXUG--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '116f', 'items': '{2445049:JPF3CXUG}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Krankheit wurde mit diesem Konstrukt der Versicherheitlichung zum (klassistisch gedeuteten) politischen Problem eines besorgten B\u00fcrgertums <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-XM5V8AP9--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:XM5V8AP9}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Gesunde K\u00f6rper \u2013 Sch\u00f6nheit, Funktions- und Leistungsf\u00e4higkeit oder besser die jeweils hegemonialen Vorstellungen der Norm \u2013 wurden im Kontext einer explodierenden Ratgeberliteratur zum Signum eines erfolgreichen b\u00fcrgerlichen Selbstmanagements <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-W46YKY78--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:W46YKY78}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. In diesem Zusammenhang wurde auch Gesundheitsaufkl\u00e4rung eine Form einer vor ersten Erkrankungszeichen einsetzenden und das Individuum mit seinen \u00dcberzeugungen und Motivlagen anvisierenden Pr\u00e4vention. Daher l\u00e4sst sich an ihr auch eine exemplarische Kulturgeschichte moderner Bev\u00f6lkerungs- und Sozialpolitik erz\u00e4hlen, in der der Fokus auf der Verschr\u00e4nkung von Bildung und Gesundheit liegt <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-SJUXTSRP--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:SJUXTSRP}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesundheitsaufkl\u00e4rung ist eine kommunikative Pr\u00e4ventionsform, die vom Glauben angetrieben ist, durch Belehrung, Erziehung oder Aufkl\u00e4rung, unerw\u00fcnschte Zuk\u00fcnfte (Erkrankungen) verhindern zu k\u00f6nnen. Mit dem Ziel, Verhaltensweisen \u00fcber popul\u00e4re \u2013 anschauliche \u2013 Information in eine Richtung zu \u00e4ndern, die den historischen Vorstellungen von Gesundheit und der Verh\u00fctung ihrer Bedrohungen entspricht, kann Gesundheitsaufkl\u00e4rung als eine vergleichsweise diskrete Pr\u00e4ventionsweise gelten. Diskret ist sie aus zwei Gr\u00fcnden: Erstens rationalisiert sie ihre Existenz h\u00e4ufig als kommunikatives Angebot und damit als potenzielle und f\u00fcrsorgliche Hilfe zur Selbstbestimmung und selten als kommunikative Verhaltensnormierung. Zweitens individualisiert sie zumeist die Verantwortung f\u00fcr Gesundheit und lenkt den Blick weg von den strukturellen Bedingungen von Gesundheit \u2013 sie entpolitisiert. Gesundheitsaufkl\u00e4rung oszilliert damit (von unterschiedlichen historischen Kontexten je spezifisch ausgeformt und im Namen der Gesundheit) zwischen Disziplinierung und Empowerment.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Museale Gesundheitsaufkl\u00e4rung: Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden und das Deutsche Gesundheits-Museum K\u00f6ln<\/h2>\n\n\n\n<p>Um 1900 fand eine solche \u00f6ffentliche Kommunikation \u00fcber Gesundheit und Krankheit, \u00fcber die Anatomie und Physiologie menschlicher K\u00f6rper ihr Massenmedium in der Ausstellung. Visualisierungsoptionen trafen in diesen Medien, die aus Messen herr\u00fchrten, auf Unterhaltungsinteressen; die M\u00f6glichkeit, K\u00f6rperwissen zu vermitteln auf die Chance, viele Menschen zu erreichen <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-EWEB62ER--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '203ff', 'items': '{2445049:EWEB62ER}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Als \u00f6rtlich und zeitlich begrenztes Medium lief eine didaktische Wissensobjekte pr\u00e4sentierende Ausstellung aber Gefahr, in der Zeit verloren zu gehen. Eine Institutionalisierungsform tat not. Hier \u00fcberkreuzten sich zwei Entwicklungen: \u201eAusstellungsexpansion\u201c und \u201eMuseumsreform\u201c. Es entstanden aus der thematisierten Notwendigkeit technisch-wissenschaftlicher Wissensvermittlung und der \u00dcberzeugung, durch eine solche Bildung Herausforderungen der Gegenwart zu l\u00f6sen, \u201eproblemorientierte Fachmuseen, die sich dem Themenkreis Mensch \u2013 Gesundheit \u2013 Technik widme[te]n. [Sie verbanden] die Information und Schulung von Besuchern mit der messe\u00e4hnlichen Funktion und den Aufgaben von Pr\u00fcfanstalten\u201c <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-P28FD6ER--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '95', 'items': '{2445049:P28FD6ER}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. In Berlin wurden ein Hygiene- und Sozialmuseum sowie die St\u00e4ndige Ausstellung f\u00fcr Arbeiterwohlfahrt, in M\u00fcnchen 1906 das noch heute bekannte Deutsche Museum gegr\u00fcndet (<span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-8ETFFYFG--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:8ETFFYFG}', 'format': '%a%, %d%, %p%', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>; <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-SXAV7P47--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:SXAV7P47}', 'format': '%a%, %d%, %p%', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>). Diese Museen rekurrierten auf einen \u201elernwilligen und mobilen Beobachter, der vom schnellen Wechsel und der Vielfalt der dargebotenen Gegenst\u00e4nde fasziniert\u201c werden konnte <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-P28FD6ER--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '100', 'items': '{2445049:P28FD6ER}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Und sie waren zugleich Antworten auf die Debatte, wie ein zeitgen\u00f6ssisches Museum auszusehen hatte <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-WMDDL3FP--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:WMDDL3FP}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Gemengelage wurde Gesundheitsaufkl\u00e4rung in Dresden institutionalisiert. Zentraler Markstein in diesem Prozess war die I. Internationale Hygiene-Ausstellung, die 1911 in Dresden stattfand. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-753x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3971\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"753\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-753x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4609\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-753x1024.jpeg 753w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-221x300.jpeg 221w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-110x150.jpeg 110w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911-768x1044.jpeg 768w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-2_Hygiene-Auge_Plakat_v_Stuck_1911.jpeg 848w\" sizes=\"auto, (max-width: 753px) 100vw, 753px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Abb. 1: Hygiene-Auge; Franz von Stuck 1911<\/em>. <em>Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Plakat_v_Stuck11.jpg\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a> (gemeinfrei).<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aus den Netzwerken, die hier gekn\u00fcpft, und den Exponaten, die hergestellt und pr\u00e4sentiert worden waren, bildete sich das Deutsche Hygiene-Museum Dresden, das sich in den folgenden Jahren als modernes Sozialmuseum und gleichzeitig wichtige dienstleistende Instanz der \u201ehygienischen Volksbelehrung\u201c etablierte. War aus professionspolitischen Gr\u00fcnden eine zu popul\u00e4re Gesundheitsaufkl\u00e4rung in einigen \u00e4rztlichen Kreisen unerw\u00fcnscht, so gab schlie\u00dflich der Besuchererfolg den Bef\u00fcrwortern einer auch mit Instrumenten der Unterhaltung und Werbung arbeitenden Aufkl\u00e4rung \u00fcber medizinische und hygienische Sachverhalte recht <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-8ZFPTNTC--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:8ZFPTNTC}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Auf Verstetigung zielend setze das Hygiene-Museum in \u00f6konomisch und politisch turbulenten Zeiten auf Wanderausstellungen und Lehrmittel. Georg Seiring (1883\u20131972), ehemaliger Privatsekret\u00e4r des Museumsm\u00e4zens und Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861\u20131916), gelang es in den Krisen der 1910er bis 30er Jahre, einen \u201eHygiene-Konzern\u201c zu schaffen, der unterschiedliche Interessen bedienen konnte. Diese kamen vor allem aus dem Medizinal- und Bildungswesen auf kommunaler, regionaler und reichsstaatlicher Ebene sowie von zivilgesellschaftlichen Akteuren der Wohlfahrt und Sozialreform <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-BS2QCCZR--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:BS2QCCZR}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wanderausstellungen des Hygiene-Museums, best\u00fcckt mit eigens produzierten und kompilierten Ausstellungsst\u00fccken und Lehrmitteln \u2013 Plakate, Pr\u00e4parate, Modelle, Moulagen, Schauobjekte, Tafeln, Lichtbilder, Filme oder Maschinen \u2013, tourten nicht zuletzt mit explizit rassenhygienischen Botschaften bis 1944 durchs Deutsche Reich und Europa (<span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-PR9JAM74--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:PR9JAM74}', 'format': '%a%, %d%, %p%', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>; <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-3TKPFU9F--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:3TKPFU9F}', 'format': '%a%, %d%, %p%', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>). Und schon ein Jahr nach Kriegsende wurden \u201edie Laien\u201c wieder \u00fcber ihren K\u00f6rper und die Bedingungen seiner Gesundheit und Erkrankung belehrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem deutschen Staat spaltete sich auch das Museum. 1946 wurde das Dresdner Museum verstaatlicht, 1949 das Deutsche Gesundheits-Museum vom langj\u00e4hrigen Leiter des Museums in Dresden, Georg Seiring, in K\u00f6ln gegr\u00fcndet <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-HRLAB78I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '35\u201388', 'items': '{2445049:HRLAB78I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Aus dem K\u00f6lner Museum sollte schlie\u00dflich 1967 die Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung hervorgehen <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-NP2I8MYK--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:NP2I8MYK}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die kurze Renaissance der Hygienischen Volksbelehrung<\/h2>\n\n\n\n<p>Gesundheits- und Hygiene-Museum kn\u00fcpften nach 1949 gleicherma\u00dfen an das an, was am besten beherrscht wurde: Sie produzierten, pr\u00e4sentierten und vertrieben Medien der Gesundheitsaufkl\u00e4rung und amalgamierten damit eine anschauliche Gesundheitsaufkl\u00e4rung mit visueller Gesundheitspropaganda. Im Modus der hygienischen Volksbelehrung hatte Gesundheitsaufkl\u00e4rung darauf aufgebaut, dass zu Ausstellungen kompilierte und gerahmte Exponate das Wissen der Physiologie, Anatomie und Hygiene so anschaulich und verst\u00e4ndlich machen, dass eine Anverwandlung des Wissens handlungsleitend wirken w\u00fcrde. Die L\u00fccke zwischen Informieren und Handeln wurde dabei mit der Annahme der Ehrfurcht gegen\u00fcber einem gleicherma\u00dfen organisch wie mechanisch gedachten Ordnungssystem \u00fcberbr\u00fcckt. In diesem waren die \u201ek\u00f6rperliche Organisation\u201c mit der von Rudolf Virchow (1821\u20131902) gepr\u00e4gten Metapher des \u201eZellenstaats\u201c \u00fcber das Tertium Comparationis der funktionalen Arbeitsteilung kurzgeschlossen <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-P2HWMA5I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:P2HWMA5I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Die Besucher*innen sollten die \u201estrenge Zweckgesetzlichkeit und die ideale Vollkommenheit aller in diesem Organismus begreifen lernen und so eine unersch\u00f6pfliche Erkenntnisquelle f\u00fcr die Erforschung der Gesetze sozialer Entwicklungen finden\u201c <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-9LZFTHB9--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '19', 'items': '{2445049:9LZFTHB9}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Eingebettet war diese \u00dcberlegung in eine zeitgen\u00f6ssisch intensiv gef\u00fchrte Debatte um die Notwendigkeit und M\u00f6glichkeit der Sozialwissenschaften, als Anwendungswissenschaft Wege zum gesellschaftlichen Fortschritt aufzuzeigen. Diese Debatte drehte sich auch um den Begriff der \u00d6konomie. Eine Orientierung am \u00d6konomieprinzip der Effizienz, der nicht nur der Wiener Soziologe Rudolf Goldscheid (1870\u20131937) das Wort redete, sondern auch die Arbeitswissenschaftler der Zeit, sollte zu einer \u201erationalen\u201c und \u201ezweckm\u00e4\u00dfigen\u201c individuellen und aggregiert kollektiven Leistungsverbesserung f\u00fchren <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-YJ4DJSSB--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:YJ4DJSSB}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Das Wasser aus der damaligen Diskussion um die M\u00f6glichkeiten einer wissenschaftlich rational angeleiteten Gesellschaftsverbesserung durch mehr Effizienz f\u00fchrte Lingner somit auf die R\u00e4der, die seine Museumsidee antrieben <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-BS2QCCZR--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '66\u201375', 'items': '{2445049:BS2QCCZR}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Und wenig versinnbildlichte das Versprechen der Optimierung des kollektiven K\u00f6rpers \u00fcber die Verbesserung des individuellen, das einzul\u00f6sen die hygienischen Volksbelehrung f\u00fcr sich reklamierte, als die makellosen Menschen, die als Ikonen das Dresdner Museum in die Zentren ihrer Pr\u00e4sentationen r\u00fcckte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"661\" height=\"996\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-3_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum-Dresden-DHM-2001.195.32.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4612\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-3_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum-Dresden-DHM-2001.195.32.jpeg 661w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-3_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum-Dresden-DHM-2001.195.32-199x300.jpeg 199w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-3_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum-Dresden-DHM-2001.195.32-100x150.jpeg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Abb. 2: Statue vor der \u201ePopul\u00e4ren Halle\u201c auf d<\/em>e<em>r Ersten Internationalen Hygiene-Ausstellung, Dresden 1911. Quelle: Sammlung Deutsches Hygiene-Museum Dresden, DHMD 2001\/195.32<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber nicht nur die Tr\u00e4ume des gesellschaftlichen Fortschritts unterbauten die Wirkungsannahme der hygienischen Volksbelehrung, sondern auch eine sehr konkrete Subjektvorstellung. In dieser konnte sich das Subjekt aus emotionalem wie rationalem Antrieb heraus gesund verhalten, sobald es Gesundheit als Kern eines Lebensgesetzes verstanden hatte, das individuelle wie kollektive Ordnungen bestimme. Daf\u00fcr arbeiteten die hygienischen Volksbelehrer*innen zwar mit Instrumenten der Unterhaltung und der visuellen Metaphorik, indes blieben diese eingebettet in ein Top-Down-Modell der Wissensvermittlung. Sowohl die Wissensbed\u00fcrfnisse der Adressat*innen als auch die Prozesse der Wissensproduktion blieben in den durchaus hinsichtlich ihrer je spezifischen Wirkungen reflektierten und entsprechend differenziert angewendeten Medien(sets) unausgesprochen <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-HRLAB78I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '91\u2013103', 'items': '{2445049:HRLAB78I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ordnungspolitische Updates: Hygienische Volksbelehrung links und rechts des Eisernen Vorhangs<\/h2>\n\n\n\n<p>Die beiden Museen passten in der Praxis die Tradition der hygienischen Volksbelehrung an die neuen soziopolitischen Referenzsysteme an. So wurde es eine explizite Aufgabe des Museums in Dresden, in seiner Vermittlungsarbeit die geschichtspolitisch begr\u00fcndete moralische \u00dcberlegenheit des sozialistischen Gesundheitswesens zu bewerben, indem es eine apolitische, humanistische Sorge um die bestm\u00f6gliche Gesundheit Vieler als DDR-Realit\u00e4t reklamierte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"726\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1-726x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4611\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1-726x1024.jpeg 726w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1-213x300.jpeg 213w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1-106x150.jpeg 106w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1-768x1083.jpeg 768w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-4_Sammlung-Deutsches-Hygiene-Museum_Leporello-44_1957-1089x1536-1.jpeg 1089w\" sizes=\"auto, (max-width: 726px) 100vw, 726px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Abb. 3: Ausstellungsplakat aus der Ausstellung &#8222;Geheimnisse des Lebens&#8220; 1957<\/em>. <em>Quelle: Sammlung Deutsches Hygiene-Museum, DHMD 2021\/703.103.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Eine materialistische Interpretation des Behaviorismus nach Pavlov sowie das Leitbild der sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit unterbauten diese Deutung. In den neuen, sozialistischen Menschen sollten die subjektiven Handlungsmaximen den Prinzipien der von der SED gestalteten Gesellschaftsordnung entsprechen: In einer gesunden Gesellschaftsordnung konnte es nur gesunde Menschen geben; und wenn dem nicht so war, mussten Anpassungs- oder Verst\u00e4ndnisfehler auf der Seite der Subjekte vorliegen, die es vonseiten der Gesundheitsaufkl\u00e4rung zur beseitigen galt <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-HRLAB78I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '306\u2013356', 'items': '{2445049:HRLAB78I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Das K\u00f6lner Museum bebilderte hingegen in den 1950er Jahren eine konservativ-religi\u00f6se, gesellschaftliche Selbstvergewisserung der dreifachen Abgrenzung: Eine lebensphilosophisch-christliche Verwurzelung sollte gegen das Gift des Materialismus aus dem Osten immunisieren, die als seicht interpretierte US-dominierte, konsumorientierte (Unterhaltungs)Zivilisation des Westens aus der Bundesrepublik fernhalten und die nationalsozialistische Vergangenheit \u00fcberwinden. Gesundheit war in diesem Bild eine Frage des Charakters und der durch Modernit\u00e4t bedrohten sozialen Gemeinschaft \u2013 \u00f6ffentliche Gesundheitspflege ein Akt des bereitwilligen, unpolitischen Dienens zum Wohl des Lebens und seiner Gesetze. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"819\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-819x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4607\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-819x1024.jpg 819w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-240x300.jpg 240w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-120x150.jpg 120w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-768x961.jpg 768w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-1228x1536.jpg 1228w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln-1637x2048.jpg 1637w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/kleiner_Bild-5_Ein-Ja-dem-Leben-1951-Broschuere-hrsg.-vom-Deutschen-Gesundheits-Museum-Koeln.jpg 2000w\" sizes=\"auto, (max-width: 819px) 100vw, 819px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Abb. 4: &#8222;Ein Ja dem Leben&#8220;, 1951.<\/em> <em>Quelle: Brosch\u00fcre, herausgegeben vom Deutschen Gesundheits-Museum K\u00f6ln.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das stach insbesondere in der ersten (und in der BRD einzigen) Gro\u00dfen Gesundheitsausstellung <em>Ein Ja dem Leben<\/em> heraus, die 1951 in den K\u00f6lner Messehallen stattfand und umfassend vonseiten des Gesundheits-Museums bespielt und von seinem Netzwerk organisiert wurde. Einzelne Objekte und Arrangements wurden dabei von der Ausstellung <em>Wunder des Lebens<\/em> von 1935 \u00fcbernommen, freilich von Vorstellungen und Forderungen der Rassenhygiene bereinigt oder in eine christliche Eugenik umgerahmt <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-2YN2HEQJ--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:2YN2HEQJ}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Und auch die Metapher des Zell(en)staats re\u00fcssierte im \u201eGesundheits-Atlas\u201c des Gesundheits-Museums.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"800\" height=\"583\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-6_DGM.Gesundheits-Atlas-1956.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4608\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-6_DGM.Gesundheits-Atlas-1956.jpg 800w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-6_DGM.Gesundheits-Atlas-1956-300x219.jpg 300w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-6_DGM.Gesundheits-Atlas-1956-150x109.jpg 150w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-6_DGM.Gesundheits-Atlas-1956-768x560.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p> <em>Abb. 5: Tafel 1 aus dem &#8222;Gesundheits-Atlas&#8220; <\/em><span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-2NUUMJ7H--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:2NUUMJ7H}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span><em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kritik und Krise: Das Update Gesundheitserziehung<\/h2>\n\n\n\n<p>Gegen Ende der 1950er Jahre geriet in beiden deutschen Staaten der Modus der hygienischen Volksbelehrung zunehmend in eine Krise: Eine museale und ausstellende Gesundheitsaufkl\u00e4rung galt als teuer, aufwendig und wenig zielf\u00fchrend \u2013 als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df. Das hatte mehrere Gr\u00fcnde: Film und Fernsehen waren die Massenmedien der Zeit geworden. In der Epidemiologie wurden individuelle Verhaltensweisen, wie bspw. das Rauchen, als Risiken f\u00fcr die nunmehr wichtigen chronischen Erkrankungen (solche des Herz-Kreislauf-Systems und maligne Tumore) gerahmt. Die vorher vor allem im Zentrum stehenden Infektionserkrankungen r\u00fcckten in den Hintergrund der medizinischen Problematisierungen der Bev\u00f6lkerungsgesundheit. Die ausstellende Vermittlung anatomischen, physiologischen und hygienischen Wissens verlor durch beide Entwicklungen an Relevanz; die gesundheitsgerechte Beeinflussung individuellen Verhaltens sollte direkter erfolgen als durch reine Wissensvermittlung. Die Antwort lautete daher Erziehung, konkret: Gesundheitserziehung <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-HRLAB78I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '321\u2013359', 'items': '{2445049:HRLAB78I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Update der hygienischen Volksbelehrung in Form der Gesundheitserziehung war im Kern eine Versozialwissenschaftlichung der Gesundheitsaufkl\u00e4rung, die in einem internationalen Professionalisierungsdiskurs nachdr\u00fccklich gefordert und praktiziert wurde. Gesundheitskommunikation mit dem Ziel der direkten und positiven Beeinflussung menschlichen Verhaltens war darin eine Frage der Public-Relations-Arbeit, die soziologisch und psychologisch reflektiert werden musste und Eingang in eine sozialpolitische Steuerung finden sollte. Eine Verhaltenspr\u00e4vention \u00fcber \u00f6ffentliche Kommunikation konnte nicht mehr auf die Annahme der Anverwandlung von anschaulich gemachtem Wissen vertrauen; sie musste Einstellungen, Motivationen, kognitive Dissonanzen, Gruppendynamiken und soziale Images verstehen und die Wirkung bei ihrer Modifikation empirisch (evaluativ) erforschen. Wurde Gesundheitshandeln als soziales Handeln konzeptualisiert, so wurde eine auf seine Ver\u00e4nderung zielende Gesundheitserziehung eine Frage des Social Engineerings <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-STPE62RB--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:STPE62RB}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Organisatorischen Niederschlag fand die Gesundheitserziehung 1967: Mit erheblicher personeller Erneuerung und budget\u00e4rer Expansion wurde das Gesundheits-Museum in K\u00f6ln 1967 zur Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung (BZgA) und damit zur Bundesbeh\u00f6rde f\u00fcr Gesundheitsaufkl\u00e4rung in einem umfassend ver\u00e4nderten Feld der Gesundheitsaufkl\u00e4rung verstaatlicht. Und auch innerhalb des Dresdner \u201eMuseums\u201c wurde Gesundheitserziehung im selben Jahr in einem eigenen Institut zusammengefasst und aufgewertet <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-HRLAB78I--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': '394\u2013414', 'items': '{2445049:HRLAB78I}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Aporien der Gesundheitserziehung und ihre Historizit\u00e4t<\/h2>\n\n\n\n<p>Was im Modus der Gesundheitserziehung sich niederschlug, war ein breiterer Wandel im Verst\u00e4ndnis der Bildung von menschlichem Handeln. Es standen nun weniger die normative Begr\u00fcndung von Bildungskonzepten im Vordergrund als vielmehr sozialwissenschaftlich zu beforschende Bildungsrealit\u00e4ten. Das er\u00f6ffnete Potenziale zur Subjektivierung der gesundheitserzieherischen Norm. Wenn Gesundheitserziehung funktionieren sollte, so der Tenor der sozialpsychologischen Kritiken an der Gesundheitsaufkl\u00e4rung, musste sie die richtigen Zielgruppen auf ad\u00e4quaten Kan\u00e4len und mit zielgruppenspezifisch aufbereiteten Botschaften ansprechen, die die Vorstellungen und W\u00fcnsche der entsprechenden Adressaten aufgriffen: Botschaft, Medium, Kommunikationskanal und Zielgruppe mussten zusammenpassen und eine Kommunikation des Vertrauens schaffen, in der auch die soziale Eingebundenheit von Kommunikation und Handeln beachtet wurde. Nur so konnte gesundheitsf\u00f6rderliches Verhalten die praktische und akzeptable Wahl werden und auf einen langsamen sozialen Wandel bauen, der das gew\u00fcnschte individuelle Verhalten in den jeweiligen sozialen Kleingruppen\/Settings absicherte\/f\u00f6rderte. Auf diese Weise wurde einerseits die sozial determinierte Praktikabilit\u00e4t des angestrebten Verhaltens das Kriterium des Erfolgs. Andererseits versch\u00e4rfte eine solche Flexibilisierung der Norm auch den Widerspruch zwischen Emanzipation und Zurichtung des individuellen Verhaltens im Namen der Gesundheit. Gesundheitshandeln wurde zwar als sozial beeinflusstes thematisiert, doch h\u00e4ufig beschr\u00e4nkten sich die einzelnen Aufkl\u00e4rungskampagnen darauf, Verantwortung f\u00fcr entsprechendes Handeln zuzuschreiben, nicht aber die Deutungshoheit \u00fcber selbiges <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-BR75IN5P--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:BR75IN5P}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Und die Wirkungsforschung der Kampagnen konzentrierte sich zunehmend auf andere, unmittelbarere Effekte als auf den Grad der St\u00e4rkung subjektiver Selbstbestimmung einer gelungen Lebensf\u00fchrung <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-58KTJPSH--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:58KTJPSH}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"994\" src=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1-1024x994.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4610\" srcset=\"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1-1024x994.jpeg 1024w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1-300x291.jpeg 300w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1-150x146.jpeg 150w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1-768x746.jpeg 768w, https:\/\/bildungsgeschichte.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Bild-7_Sammlung-DHMD-Leporello-54_1972-1536x1491-1.jpeg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Abb. 6: Leuchtapparat aus der Wanderausstellung &#8222;Vom Rat zur Tat&#8220;, 1972\u20131973 des Deutschen Hygiene-Museums.<\/em> <em>Quelle: Sammlung Deutsches Hygiene-Museum, Leporello 54.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Befund der Verantwortungszuschreibung an die Einzelnen wider besseres Wissen der Gesundheitserzieher*innen trifft auch auf die DDR zu. Im sozialistischen Deutschland war dar\u00fcber hinaus auch dem Leitbild der sozialistischen Pers\u00f6nlichkeit offiziell nicht zu widersprechen. Dieses Idealbild war nicht einzul\u00f6sen, doch das Regime hatte einen Gutteil seiner gesundheitspolitischen Legitimit\u00e4t an dessen erfolgreiche Realisierung gekn\u00fcpft. Die sozialen oder strukturellen Determinanten von Gesundheit und Krankheit zu thematisieren und damit zumindest indirekt Kritik an der sozialpolitischen Ordnung der DDR zu \u00fcben, war nicht vorgesehen und wurde entweder ignoriert oder sanktioniert <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-W3DEX2Q5--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:W3DEX2Q5}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>.<\/p>\n\n\n\n<p>Gesundheitsaufkl\u00e4rung, so das kurze Fazit, operierte in beiden deutschen Staaten im Grenzbereich widerspr\u00fcchlicher Zust\u00e4ndigkeiten, Zuschreibungen und Zusammenh\u00e4nge \u2013 und sie tut das noch heute. Gerade das macht sie zu einer heuristisch so gewinnbringenden Sonde, die historisch wandelbaren Verh\u00e4ltnisse von Selbst- und Fremdsteuerungszumutungen in der Beziehung zwischen B\u00fcrger*innen und Staat einerseits und zwischen individueller Lebenswelt und Wissensordnungen der Expert*innen historisierend auszuloten <span class=\"zp-InText-zp-ID--2445049-WD7UQQ8J--wp3975 zp-InText-Citation loading\" rel=\"{ 'pages': 'np', 'items': '{2445049:WD7UQQ8J}', 'format': '(%a%, %d%, %p%)', 'brackets': '', 'etal': '', 'separator': '', 'and': '' }\"><\/span>. Diesen Wandlungen in ihren komplexen und wechselwirkenden Kontexten nachzusp\u00fcren, tr\u00e4gt nicht nur dazu bei, vergangene Gesundheitsaufkl\u00e4rung besser zu verstehen. Zu sehen, welche Interessen, Vorstellungen und (begrenzte) Wissensordnungen wirkten, sollte uns auch resilienter machen f\u00fcr die n\u00e4chste Gro\u00dfkrise der Bev\u00f6lkerungsgesundheit und dem damit einhergehenden n\u00e4chsten Anschwellen von Rat gebender Gesundheitskommunikation. In diesem Sinne ist die historische Aufkl\u00e4rung eine \u00dcbung in Gelassenheit gegen\u00fcber wohlgemeintem Rat in Sachen Gesundheitshandeln und damit selbst Gesundheitsaufkl\u00e4rung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Quellen und Literatur<\/h2>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.zotero.org\/groups\/2445049\/bildungsgeschichte.de_-_bibliographien\/collections\/4Z22Z47K\">Zur Zotero Library<\/a><\/p>\n\n\n\n\n<div id='zp-InTextBib-zotpress-8ece5aaca66c262c4e806f609204d26a' class='zp-Zotpress zp-Zotpress-InTextBib wp-block-group zp-Post-3975'>\r\n\t\t<span class=\"ZP_ITEM_KEY ZP_ATTR\">{2445049:JPF3CXUG};{2445049:XM5V8AP9};{2445049:W46YKY78};{2445049:SJUXTSRP};{2445049:EWEB62ER};{2445049:P28FD6ER};{2445049:8ETFFYFG};{2445049:SXAV7P47};{2445049:P28FD6ER};{2445049:WMDDL3FP};{2445049:8ZFPTNTC};{2445049:BS2QCCZR};{2445049:PR9JAM74};{2445049:3TKPFU9F};{2445049:HRLAB78I};{2445049:NP2I8MYK};{2445049:P2HWMA5I};{2445049:9LZFTHB9};{2445049:YJ4DJSSB};{2445049:BS2QCCZR};{2445049:HRLAB78I};{2445049:HRLAB78I};{2445049:2YN2HEQJ};{2445049:2NUUMJ7H};{2445049:HRLAB78I};{2445049:STPE62RB};{2445049:HRLAB78I};{2445049:BR75IN5P};{2445049:58KTJPSH};{2445049:W3DEX2Q5};{2445049:WD7UQQ8J}<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_STYLE ZP_ATTR\">https:\/\/www.zotero.org\/styles\/bibliothek-fur-bildungsgeschichtliche-forschung<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_SORTBY ZP_ATTR\">creator<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_ORDER ZP_ATTR\">asc<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_TITLE ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_SHOWIMAGE ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_SHOWTAGS ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_DOWNLOADABLE ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_NOTES ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_ABSTRACT ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_CITEABLE ZP_ATTR\">1<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_TARGET ZP_ATTR\">1<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_URLWRAP ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_FORCENUM ZP_ATTR\">0<\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_HIGHLIGHT ZP_ATTR\"><\/span>\r\n\t\t<span class=\"ZP_POSTID ZP_ATTR\">3975<\/span><div class='zp-List loading'>\n<div class=\"zp-SEO-Content\"><\/div><!-- .zp-zp-SEO-Content -->\n<\/div><!-- .zp-List --><\/div><!--.zp-Zotpress-->\n\n\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gesunde K\u00f6rper &#8222;machen&#8220; durch Belehrung, Erziehung, Aufkl\u00e4rung &#8211; die Geschichte der Pr\u00e4vention verweist auf die enge Verschr\u00e4nkung von modernem Gesundheits- und Bildungsdiskurs.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4606,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[51,17],"tags":[151,152,153,154,155],"class_list":["post-3975","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kolumne","category-zeitgeschehen","tag-deutsches-gesundheits-museum-koeln","tag-deutsches-hygiene-museum-dresden","tag-gesundheitsaufklaerung","tag-gesundheitserziehung","tag-hygienische-volksbelehrung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3975","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3975"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3975\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4615,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3975\/revisions\/4615"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4606"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3975"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3975"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/bildungsgeschichte.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3975"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}