Quellen, Thematische Sammlung

Erziehung und Weiblichkeit um 1800: Der digitalisierte Briefwechsel zwischen Caroline Rudolphi und ihrer Schülerin Doris Olbers

Der bildungshistorisch höchst aufschlussreiche Briefwechsel zwischen der Erzieherin Caroline Rudolphi (1753 – 1811) und ihrer (ehemaligen) Schülerin Doris Focke, geb. Olbers (1786 – 1818), ist seit Februar 2022 in den Digitalen Sammlungen der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB Bremen) online frei zugänglich.

Die Briefe bilden einen Teilbestand des Nachlasses von Doris Focke, der sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der SuUB Bremen befindet. Überliefert sind neben einem gemeinsam von Schülerin und Lehrerin verfassten Brief 57 Briefe von Caroline Rudolphi an Doris Focke geb. Olbers aus den Jahren 1799 bis zu dem Tod der (ehemaligen) Lehrerin im Jahr 1811.

Link zu den digitalisierten Briefen: https://brema.suub.uni-bremen.de/suubna/nav/classification/2670049

Mit der Digitalisierung des Bestands werden – zusätzlich zur bereits bekannten Forschungsliteratur (vgl. ; ) – neue Quellen für die (bildungs-) historische Forschung erschlossen, die auch akteurszentrierte Forschungsperspektiven ermöglichen. Für die historische Bildungsforschung zum 18. und 19. Jahrhundert sind Briefe unverzichtbar – und zwar nicht nur insofern sie anschauliche Beispiele unter anderem für die in ihnen dokumentierten Beziehungen oder für Alltag und Lebenswelten bürgerlicher Frauen um 1800 geben. Vielmehr dokumentieren die Briefe – bei aller notwendigen Quellenkritik – die Komplexität der Beziehungen zwischen einer Erzieherin und ihrer Schülerin. Briefe als zentrales Kommunikationsmedium bürgerlicher Kreise im 18. und 19. Jahrhundert eignen sich insbesondere für Fragestellungen der Geistes- und Kulturwissenschaften, aber auch der historischen Sozialisations- und Geschlechterforschung. Somit bietet der neu digitalisierte Quellenkorpus eine breite Ausgangslage für vielfältige Forschungsperspektiven und Untersuchungsgegenstände unter anderem im Schnittfeld von Schule, Erziehung und Unterricht. Es ist zu hoffen, dass er Anstöße für neue Forschungsprojekte gibt. Insofern die Briefe Selbstpräsentationen von Weiblichkeit und eine spezifische Inszenierung weiblicher Beziehungen zeigen, dokumentieren sie die Gestaltung von Lehrer- und Schülerverhältnissen unter Frauen und ermöglichen schließlich die Rekonstruktion weiblicher Selbst- und Lebensentwürfe sowie Binneneinsichten in geschlechterspezifische Lebensverhältnisse.

Wer aber waren Caroline Rudolphi und Doris Olbers, die uns hier in einem Briefwechsel gegenübertreten? Caroline Rudolphi war zu ihren Lebzeiten eine bekannte Erzieherin und gefeierte Dichterin, eine der Pionierinnen der höheren Töchterbildung um 1800. Sie machte sich neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin und Schulleiterin einen Namen mit theoretischen Schriften zur Mädchenerziehung und -bildung (vgl. ; ). Im April 1786 gründete sie ihr „Erziehungsinstitut für junge Demoiselles“ in Hamm, einem Vorort von Hamburg (vgl. ). Ihre Biographin Gudrun Perrey beschreibt die Entwicklung der Institution als „Wandel von der Kinderbetreuung im Familienverband hin zu einem professionell geführten Mädchenpensionat“ . Die Mädchen lebten und lernten zusammen. Der Fächerkanon ging weit über das hinaus, was in der Mädchenerziehung sonst üblich war: Der jahrgangsübergreifende Unterricht war in Fächer unterteilt, die geschlechtsspezifisch unterrichtet wurden. Der wissenschaftliche Teil wurde von einem fest angestellten Hauslehrer erteilt und umfasste politische Geographie, Naturgeschichte, Naturlehre, Rechnen und (letztere allerdings nur für die Größeren) Religion und Astronomie. Für den als solchen bezeichneten Nebenunterricht in Englisch, Zeichnen, Klavierspielen und Tanzen kamen stundenweise Lehrer aus dem nahegelegenen Hamburg. Caroline Rudolphi selbst unterrichtete alles Weitere: Schreiben, Französisch und die weiblichen Arbeiten wie Nähen, Sticken und Stricken, teils auch Englisch.

Caroline Rudolphi zog im Jahr 1803 mit einigen ihrer Schülerinnen und ihrem Erziehungsinstitut 1803 nach Heidelberg um. Auch von hier aus blieb sie in stetigem Kontakt zu ihren ehemaligen Schülerinnen.  Ihre Schülerin Emilie Heins übernahm mehr und mehr die praktische Lehrtätigkeit und nach Rudolphis Tod auch die Leitung des Pensionats. Caroline Rudolphi starb schließlich nach kurzer Krankheit 1811.

Abb.1: Zeichnung von Doris Focke; abgebildet ist wahrscheinlich Caroline Rudolphi auf dem Sterbebett, SuUB Bremen, Nachlass Doris Focke.

Henriette Marie Dorothea Focke geb. Olbers (genannte Doris) ist bislang primär in einem regionalhistorischen Kontext bekannt. 1786 wurde sie in Bremen als Tochter des berühmten Arztes und Astronomen Wilhelm Olbers (1758 – 1840) geboren und wuchs daselbst auf. Von 1799 bis 1801 (insg. 3 Jahre) besuchte sie das „Erziehungsinstitut für junge Demoiselles“ der Caroline Rudolphi (1754-1811) in Hamm, einem Vorort Hamburgs. Bei dieser Erziehungsanstalt handelte es sich um eine der frühen institutionalisierten Mädchenschulen in Norddeutschland um 1800. Im Jahr 1804 heiratete sie den Juristen und späteren Postdirektor Christian Focke und bekam mit ihm sechs Kinder (drei Söhne und anschließend drei Töchter). Sie verstarb zwei Wochen nach der Geburt ihres sechsten Kindes an einer Herzentzündung.

Abb. 2: Doris Olbers verh. Focke, ca. 1800, SuUB Bremen, Nachlass Doris Focke.

Seit ihrer Heirat im Jahre 1804 erscheint Doris Fockes Alltag dem externen Betrachter als das typische Leben einer bürgerlichen Frau des frühen 19. Jahrhunderts: Sie ist Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Doch wird in vorhandenen Lebensbildern (vgl. ) Doris Focke als sehr aufgeweckte und interessierte, gleichwohl sehr emotionale junge Frau beschrieben, die über das Leben einer bürgerlichen Ehe- und Hausfrau hinausgehend vielseitige Interessen hatte auf vielen Gebieten (z.B. literarisch, gesellschaftlich..) versiert war. Mit der Hilfe mindestens zweier Hausangestellter (einem Kindermädchen und einer Köchin) kümmerte sie sich um ihre Kinder, die ihr viel Freude bereiteten. Dennoch kommt in ihren Briefen immer wieder zum Vorschein, dass ihr Leben allein durch das Mutterglück nicht erfüllt war. Neben der Erziehung ihrer Kinder kümmerte sie sich während der Abwesenheit ihres Ehemannes, der von Zeit zu Zeit Reisen unternahm, um seine Geschäfte. In ihrem Briefwechsel mit ihrer (ehemaligen) Lehrerin Caroline Rudolphi findet dies Widerhall.

Die Briefe zwischen Doris Olbers und Caroline Rudolphi datieren mit wenigen Ausnahmen auf die Zeiträume, in denen die beiden getrennt waren; sei es, weil Doris gerade im Urlaub zuhause in Bremen, Rudolphi auf ihrer Sommerfrische in Bad Pyrmont oder Doris bereits aus Hamm nach Bremen zurückgekehrt war. Monatlich wurde ein Brief geschickt sowie zu besonderen Gelegenheiten wie zum Geburtstag.[1] oder zu Weihnachten. Nur selten wurde diese Regelmäßigkeit unterbrochen, bspw. wenn Rudolphi eine Reise plante und auf dem Weg Doris in Bremen besuchen wollte; oder auch, als sie im August des Jahres 1803 nach Heidelberg umzog und sich über die zur Ankunft erhaltene Post bedankte.

In den Briefen tritt eine sehr enge, liebevolle Beziehung zutage. Deutlich wird dies u.a. am sprachlichen Stil, an den mütterlichen Ratschlägen der Rudolphi, sowie an den Themen der Briefe. Die Ziele der Korrespondenz waren (nach einer anfänglichen Findungsphase) jedoch augenscheinlich nicht primär die verstandesmäßige Bildung und wissenschaftliche Fragen. Vielmehr standen persönliche Themen und zwischenmenschliche Beziehungen im Vordergrund. Die Briefe sollten ein Netzwerk zwischen Rudolphi und ihren ehemaligen Schülerinnen, aber auch zwischen den Schülerinnen untereinander konstituieren. Sie dokumentieren, dass Caroline Rudolphi und Doris Focke geb. Olbers Zeit ihres Lebens eine hierarchische Beziehung führten. Sie bleibt ein Leben lang die Schülerin, die Rudolphi ihr Leben lang die Lehrerin, die Erzieherin, die mütterliche Freundin. Ratschläge werden der einen erteilt, von der anderen gegeben; auch als Doris ihrerseits auf umfangreiche, auch schicksalhafte Lebenserfahrungen zurückblicken kann.

Abb. 3: Caroline Rudolphi an Doris Olbers, SuUB Bremen, Nachlass Doris Focke, OF VII e 17. Ham, 25.03.1802.

Deutlich wird in den Briefen auch die enge Verbindung von Schüleralltag, Erziehung und Bildung während der Zeit von Doris in Hamm sowie danach. Die Verwobenheit von Schulalltag, Erziehung und Freizeit miteinander ermöglicht erst, dass die Beziehung ohne große Veränderungen nach Doris‘ Schulzeit weitergeht. Die Briefe geben damit Einsichten in Lehrerin-Schülerin-Verhältnisse, in die Gestaltung der pädagogischen Beziehungen, der Frauenbilder, -biographien und die Gestaltung der Geschlechterverhältnisse, insgesamt also in einem weiten Sinne in Selbstpräsentationen und Handlungsorientierungen von Lehrerinnen und Schülerinnen um 1800. Zentrale Themen des Briefwechsels bilden die bildungshistorischen Netzwerke.[2] Caroline Rudolphi ist aufgrund ihres Netzwerkes und ihrer pädagogischen Tätigkeiten auch für die norddeutsche Kulturgeschichte um 1800 außerordentlich interessant.

Abb. 4: Caroline Rudolphi an Doris Focke, SuUB Bremen, Nachlass Doris Focke, OF VII e 11. O.O. [Ham], 04.05.1801. Dem Brief beigegeben ist eine Schulaufgabe für Doris.

Die Schriftstücke des Nachlasses Doris Fockes geb. Olbers in der SuUB Bremen wurden in einem Nachlassverzeichnis je einzeln formal und inhaltlich mit Stichworten erschlossen (vgl. ). Das Nachlassverzeichnis ist online frei zugänglich. Alle Stücke des Nachlasses können auch im Original nach Terminvereinbarung vor Ort im Handschriftenlesesaal der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen eingesehen werden.

Link zum Nachlassverzeichnis: http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:46-00105279-12

Abb. 5: Auszug aus dem Nachlassverzeichnis.

2021 erfolgte auf Anregung der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung die Digitalisierung der Korrespondenz zwischen Doris Focke und Caroline Rudolphi. Aus dem Nachlass Doris Fockes geb. Olbers wurde ihr Briefwechsel mit ihrer (ehemaligen) Lehrerin Caroline Rudolphi, die seinerzeit ein „Erziehungsinstitut“ für junge Mädchen in Hamm bei Hamburg leitete, digitalisiert.  Die Schriftstücke wurden entsprechend der Praxisregeln Digitalisierung der Deutschen Forschungsgemeinschaft einschließlich aller Leerseiten mit umlaufendem schwarzen Rand gescannt. Im Vorfeld wurden die einzelnen Briefe in der Kalliope-Datenbank nachgewiesen, der zentralen Datenbank für Nachlässe und Autographen in Deutschland. Erfasst wurden die bibliographischen Metadaten (Signatur, Titel, Verfasser, Adressat, Umfang, Entstehungsort und Entstehungsdatum). Auch wurde die inhaltliche Erschließung der Einzelschriftstücke mit Stichworten in Kalliope verfügbar gemacht. Im Projekt wurden die Digitalisate mit den Kurztitelaufnahmen der Briefe in der Kalliope-Datenbank verknüpft.

Die (gemeinfreien) digitalisierten Dokumente sind im Open Access verfügbar und können unter der Creative Commons Lizenz Public Domain Mark genutzt werden. In den Digitalen Sammlungen der SuUB Bremen sind die Briefe in der digitalen Sammlung „Nachlässe und Autographen“ integriert. Sie können im Browser gelesen oder als PDF heruntergeladen werden. Jedes Dokument ist über einen persistenten Identifier (URN) eindeutig und persistent referenzierbar. Ein Suchschlitz ermöglicht die Suche in Metadaten und Inhaltsstichworten. Eine Kalenderansicht ermöglicht einen Zugriff über Entstehungsdaten der Briefe im Bereich „Nachlässe und Autographen“.

Abb. 6: Kalenderansicht des digitalisierten Nachlasses in den Digitalen Sammlungen der SuUB Bremen.

Anmerkungen

Anmerkungen
1 Dabei wurden, wie zeitgenössisch üblich, keine Glückwünsche verschickt, die am Geburtstag selbst eintreffen sollten, vielmehr wurden die Schreiben an Doris‘ Geburtstag, dem 6. Mai, verfasst und an sie geschickt zum Zeichen, dass Rudolphi sich ihrer erinnere.
2 Zu den Schülerinnen vgl. .

Quellen und Literatur

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